Die Künstlerin Claudia Vogel stellt sich in ihren Werkstücken die Frage nach der Arbeit mit bzw. am Bild. Sie erörtert in der Bildfindung alle, das Bild definierenden Kategorien: So widmet sie sich innerhalb eines Werkzyklus intensiv dem Thema der Bildbegrenzung bzw. der Sichtbarmachung der das Bild konstituierenden Elemente, beispielsweise der Rahmenkonstruktion. Zudem zeugen die Arbeiten von einer starken Konzentration auf die Farbigkeit und auf eine sorgfältige Auswahl der materiellen Bildmittel, welche den Bildern gleichermaßen ein Höchstmaß an Stofflichkeit und Plastizität verleihen. Insbesondere die Ergründung der Bildtiefe, welche die Künstlerin in ihren Werken durch die sukzessive Erfassung verschiedener Bildebenen formuliert, ist kennzeichnend für die Arbeiten.
Die Malerin arbeitet parallel an verschiedenen Bildlösungen. Innerhalb einer Werkgruppe bespannt sie hölzerne Rahmen mit feinmaschigen Textilien oder Netzen, die eine rasterartige Struktur als Bildgrund vorgeben. Durch diese feinmaschigen Gewebe reibt Claudia Vogel die Farbe von der Bildrückseite, welche an der Oberfläche die Bildstruktur hervorbringt. Sie benutzt in dieser Technik Ölfarben oder flüssige Kunstharze, welche während des zeitintensiven Gestaltungsprozesses aushärten. Die Werkstücke dieser Gruppe sind durch die Verschiedenartigkeit der verwendeten Bildmittel charakterisiert: Abhängig von den Materialien, dem Grundraster des Trägermaterials und der stofflichen Konsistenz der Farben bzw. Kunstharze ergibt sich eine stark strukturierte Bildoberfläche. Die Kunstwerke Claudia Vogels weisen zum Teil organisch oder vegetabil anmutende Bildstrukturen auf, die wegen der intensiven Farbigkeit zugleich eine artifizielle Stilisierung erfahren. Mit diesen Bildfindungen tarriert die Künstlerin die Gestaltungsmöglichkeiten der Bildmittel, des vorgegebenen, orthogonalen Rasters und des freien, intuitiven Umgangs mit der Farbe, aus. Die Arbeiten weisen eine enorme Tiefenräumlichkeit auf, die von der Konsistenz und Menge des verwendeten Materials abhängt.
In ähnlicher Weise in die Bildtiefe geführt wirken andere Werke Claudia Vogels, die zeitgleich entstehen und in denen die Malerin den Umgang mit textilen Materialien, farbigen Garnen erprobt. Sie konzipiert einen Bildraum von einigen Zentimetern Tiefemit einer Rahmenkonstruktion aus vier Holzleisten. Mit farbigen Fäden spannt Claudia Vogel den Bildraum zwischen den Bild begrenzenden Elementen. Im Gegensatz zum klassischen Tafelbild erschließt sie mit Ihren Bildkonzeptionen die Bildtiefe, da sie auf die Zweidimensionalität des Bildgrundes als Fläche verzichtet. Die Künstlerin spinnt ein Farbnetz mit einem Höchstmaß an Farbdichte in vielschichtigen Bildebenen. Ist es der mehrdiminesionale Farbraum, der diese Arbeiten prägt, so tritt in einer weiteren Werkgruppe, den so genannten „Stichproben“ erneut der Aspekt der Farbigkeit, insbesondere der Mehrfarbigkeit in den Vordergrund.
Claudia Vogel widmet diese zumeist kleinformatigen Garnarbeiten dem Umgang mit farbigen Synthetik- oder Seidengarnen. Den Bildträger bildet ein stabiler Karton, den sie mit einer Nadel in einem Rasterabstand von 5 oder 10 mm perforiert. In höchster Präzision und doch nicht absolut der Geometrie folgend, führt die Künstlerin den farbigen Faden von Rasterpunkt zu Rasterpunkt. So entsteht eine wohl kalkulierte und doch frei aus der Hand geschaffene Linienführung. Durch das farbige Garn, welches das Licht in unterschiedlichem Maße reflektiert, entsteht eine changierende Farbwirkung, die durch den Betrachtungsabstand vom Kunstwerk sowie den Blickwinkel maßgeblich beeinflusst wird. Aus der Nähe besehen, treten die farbigen Linien vor dem weißen Bildgrund deutlich in Erscheinung. Mit zunehmender Entfernung vom Kunstwerk stellt sich eine schimmernde Farbwirkung ein; der Bildgrund scheint die Farbigkeit des Garns zu reflektieren und evoziert im betrachtenden Auge den Effekt einer immateriell schwebenden Farbfläche. Insbesondere in den mit unterschiedlich farbigen Garnen formulierten Werken scheint die Farbe zu fluktuieren, die Kompositionen wirken bewegt und von diffuser Leichtigkeit.
Der seit 2010 von der Künstlerin eingeführte Werktitel „Stichproben“ lässt sich vordergründig auf die Gruppe der Garnarbeiten beziehen, verweist im eigentlichen Wortsinn aber auch auf den unmittelbaren Entstehungszusammenhang der Öl- und Kunstharzbilder: Der Begriff der Stichprobe bezeichnet nämlich eine beim Ausfließen flüssigen Materials entnommene Probe. Im Gegensatz zur pastosen Farb- und Materialfülle der Öl- und Kunstharzbilder, erzielt Claudia Vogel mit den textil formulierten Garnarbeiten völlig andere, feinstnuancierte Farbaussagen.
Die Buntfarbigkeit ist auch Thema eines neuen Werkzyklus, dem sich die Malerin aktuell widmet. Sie schafft ab 2017 Acrylgemälde deren Farbtiefe den Bildgrund durchdringt und sich je nach Betrachterstandpunkt als intensive Farbstruktur offenbart, bzw. aus verändertem Blickwinkel hinter der Textur des Bildgrundes zurücktritt. Dabei ergründet sie die Bild konstituierenden Aspekte Farbe, Textur, Materialität und Struktur und bezieht in dialektischem Perspektivwechsel alle Dimensionen des Bildraumes – sowohl die dem Betrachter zugewandte als auch die abgewandte Werkseite mit ein.
Trotz aller Gegensätzlichkeit und unterschiedlichster Bildaussagen ist den verschiedenen Werkgruppen ein enger gedanklicher Zusammenhang gemein: Die Arbeiten zeugen vom zentralen Interesse Claudia Vogels an Farben und Strukturen, formuliert zwischen kalkulierter Strukturhaftigkeit und freier Bildwerdung.
Sandra Kraemer
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Redaktion: Sandra Kraemer
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