Nachdem O.W. Himmel 1997 schon auf die Ausstellungen „Reality is a sandwich I did not order“ und „Nackt in Mannheim“ zurückblicken kann, macht er mit einer Ausstellung in der Stadtgalerie Saarbrücken von sich reden: „Urinale – eine fotografische Recherche“. 1995 beginnt er mit der Serie. Er formuliert seine Absichten so: „Einerseits um Frauen über die ihnen meist unbekannten Orte des männlichen Urinierens aufzuklären“ (Urinale, 1997, S. 35). Im Zentrum steht die kulturelle Verständigung zwischen den Geschlechtern. Andererseits geht es ihm um „die Ästhetik des Seriellen und Skulpturalen“. Hier spielt er auf die damals schon arrivierte Ästhetik des Düsseldorfer Fotografenpaares Bernd und Hilla Becher an, das einen Band zur Typologie technischer Bauten 1969 mit dem Titel „Anonyme Skulptur“ versah.
Himmel bezieht sich mit der Wahl des Themas der Urinale automatisch auf Marcel Duchamps Fountain – das wohl erste Kunstwerk der Welt, das lediglich aus einem handelsüblichen Urinal bestand und das er 1917 mit einem seiner Pseudonyme signierte. Himmels Urinale passen bestechend schlüssig in die Saga der konzeptuellen Kunst im Spiel mit der Fotografie. Ihn reizt die Arbeit an Orten in einer Atmosphäre, die zugleich intim und öffentlich ist. 1995–1997 entstehen in dieser Serie 85 Schwarzweiß-Handabzüge und 127 Vergrößerungen von Farbaufnahmen im Verhältnis 1:1.
Die Relation von öffentlich sichtbar und intim thematisiert Himmel auch in einer Installation, die er 1995 als Diplomarbeit mit dem Titel „Fotografie (Mensch, Körper)“ entwickelt: Für den Designermodeladen „Bypass“ im Saarbrücker Nauwieser Viertel näht er gleich große quadratische Farbfotografien nackter Haut aneinander. Das Ergebnis sind deckenhohe Vorhänge – Fotos von weiblicher und männlicher Haut für die entsprechenden Umkleidekabinen. Nach außen zeigen die Hautbilder, was sie faktisch nach innen verbergen.
Anfang des 21. Jahrhunderts beginnt O.W. Himmel die Arbeit an „Objekten mit Büchern“. Im ersten Schritt wertet Himmel hier den kulturellen Wert des Buches um in einen weit profaneren Sachwert. Das Buch wird in einen Bau-, Farb- oder Druckstoff (Druckletter) gewandelt, indem ihm die Lesbarkeit entzogen wird. In einem zweiten Schritt wird es zum Baustein für Skulpturen, in 2 Kubikmeter Bücher 2001 zu blockhaften Gebilden zwischen Standardpaletten professionell zusammengeschnürt in bunter Farbigkeit. Wenn die hellen Buchrücken aber nach außen weisen, ergibt sich ein Bild von annähernder Monochromie. Es handelt sich allesamt um gefundene und gespendete Bücher. Himmel entnimmt das Material dem Wertstoffkreislauf kurz vor seinem Abtransport und schafft durch künstlerisches Recycling einen neuen Kultwert. Mal wird aus einem Bücherstapel unter Einwirkung einer Kettensäge ein Dönerspieß, wie in Kebabträume, mal werden es monochrome Bücherbeete – Arrangements im Sinne der Farbfeldmalerei. Oder es wird das enorme Gewicht von Büchern betont in einem scheinbaren Regal, dessen Böden sich unter dem Gewicht absichtlich in der Mitte durchbiegen: Kultur ist eine schwere Last von 2001.
2002 bis 2007 entsteht die Serie Meine Familie und ich. Die lebensgroßen Linoldrucke stellen die sechsköpfige Familie, Himmels Frau, die Künstlerin Katharina Krenkel, seine Töchter Pola und Gwendolyn und die Söhne Linus und Vincent dar. Der Serientitel ist der kommerziellen Welt entnommen und spielt an auf die seit 1972 unter diesem Namen unsere Supermarktkassen in Deutschland besiedelnde Zeitschrift. Sie steht für ein eher konservatives Familienbild. Wie bei der Auseinandersetzung mit Bananen- oder Schallplattenlabels formt O.W. Himmel das copyright-Label zum OW um: Er verbindet sich und seine familiäre Situation mit einer Marke. Das lebensgroße „Überformat“ spielt auf eine andere populäre deutsche Zeitschrift an, den sogen. „Starschnitt“ in der Zeitschrift „Bravo“. Er verwendet die Falt- und Klebetechnik in seiner Arbeit Starschnitt QL von 2009. Sie zeigt einen seiner Jugendfreunde, und im selben Jahr gibt er einer Einzelausstellung ebenfalls den Titel „Starschnitt“. Familie Krenkel/Himmel demonstriert in Meine Familie und ich eine Verkehrung der Popkultur. Sie wird selbst zum Star und himmelt keine anderen an.
2004 beginnt Himmel eine Linoldruck-Serie, die er bis heute weiterführt. Diese Drucktechnik löst in seinem Werk die Fotografie weitgehend ab. Es vergrößert Labels für Bananen, als erste Chiquita und Onkel Tuca, und realisiert damit ein neues Selbstverständnis seiner Künstlerschaft. Er sieht sich als „Archivar der grafischen und typografischen Alltagskultur“. Für seine Objekte mit Büchern benutzt er Bananenkisten als Depotsystem. Den technisch-industriellen Kistenaufdruck vergrößert er handwerklich ins Großformat von meistens 70 x 50 cm oder 50 x 70 cm. Werbegrafische Massenware erhebt er zur Kunst, manchmal mit Hinweisen auf CO2-Neutralität oder Bioqualität, immer aber auf das erste globalisierte Nahrungsmittel: die Banane. Er geht ähnlich vor wie Andy Warhol in seiner Serie Campbell’s Soup Cans von 1962, die jeder in Amerika kennt und weiß, wie der Inhalt schmeckt. Im handgemalten Großformat an Ausstellungswänden oder als Siebdruckvariante, dem Medium der Pop Art, stilisiert Warhol das Alltagsprodukt zum Kunstwerk. Himmel dagegen wählt den Linoldruck, ein Verfahren, das optisch dem Holzschnitt gleicht und eher eine expressionistische Tradition vorweist. Bis 2024 entstehen daraus 125 Motive. Ähnlich verfährt er mit der Motivgruppe der Schallplattenlabels, die entweder auf Covern oder auf den Aufklebern in der Mitte der Platten selbst zu finden sind. Vinylplatten sind das Medium der Jugendkultur des 20. Jahrhunderts. Jeder kennt die Musik und das Erscheinungsbild der Labels. Mit seinen Linoldruckvergrößerungen, die inzwischen über 200 Motive umfassen, legt Himmel ein besonderes Augenmerk auf die grafischen Botschaften.
Die Idee der Vergrößerung grafischer Symbole und Signale aus dem Alltag führt er weiter und nimmt sich die Hirsche aus Wildwechsel-Verkehrsschildern vor: 36 Hirsche aus 34 Ländern und drei Kontinenten zählt die Serie 2024.
Eng mit seiner künstlerischen Arbeit verbunden ist Himmels Serie Farbdosen, die 2021 beginnt. Es handelt sich um 4:1 Vergrößerungen gespendeter und meistens schon angebrochener Behälter von Druckfarben. Die oft gefeierte Selbstreferenzialität der modernen Kunst tritt hier insofern im Material – nicht nur im Motiv – zutage, als die im Bild sichtbare Farbe faktisch aus der „porträtierten“ Farbdose stammt. Die Druckfarbe ist immer identisch mit den Farbspuren auf den Dosen im Bild.
Die Welt muss mich retten liest man in der gleichnamigen Arbeit aus dem Jahr 2012. Es handelt sich um ein Selbstbildnis in schwarzem Linoldruck und in Lebensgröße. Den Künstler sieht man in der Rolle eines Bettlers auf dem Boden sitzen – ein Bezug zu seinem Zivildienst im Übernachtungsheim für Nichtsesshafte besteht. In den Händen hält er die besagte Texttafel. Drei Jahre später schafft er das Pendant – zwar zeitverzögert, aber von Beginn an als Diptychon konzipiert: Wieder ein lebensgroßes Selbstbildnis in Linol, farbig auf Karton gedruckt. Diesmal steht der Künstler in Heldenpose, Hände in die Hüften gestemmt, mit erhobenem Haupt sicher in die Ferne und in die Zukunft schauend. Er trägt einen blau-rot-gelben Supermannanzug. Auf der Brust liest man sein Monogramm. Der Titel der Arbeit von 2012 wird 2015 invertiert in Ich muss die Welt retten. Der Singer-Songwriter Tim Bendzko machte mit seinem Lied „Nur noch kurz die Welt retten“ 2011 das Thema erneut populär. Die Weltenrettung war der Daseinsgrund Jesu von Nazareth auf Erden. Die ikonografische Figur des Salvator Mundi übertrug schon Albrecht Dürer auf das Künstlerbild im weltbekannten Selbstbildnis von 1500. Spätestens mit Friedrich Nietzsches „Gott ist tot“ (1882/1887) wird auch die Rettung der Welt zunehmend dem Menschen überantwortet. Himmels Bilderpaar des Retters und des Rettung Bedürftigen bringen den hohen Anspruch an das Individuum zum Ausdruck, die Selbstüberhöhung in der Figur des Künstlers. „Ich muss die Welt retten“ ist auch mit einem performativen Aspekt verbunden: Der Künstler trägt dabei das von seinen Töchtern genähte Kostüm, zu sehen auf einer Fotografie aus dem Jahr 2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
2017 entsteht der vielfarbige Linoldruck Im Reich des schwarzen Goldes, ein monumentales Bild von über 2 Meter Breite. Es zeigt den Künstler im Schneidersitz mit turbanartiger Kopfbedeckung vor einer Waage, umgeben von Stapeln schwarzer Langspielplatten, gedruckt in acht Farben in geringer Auflage (8 Ex.). Während das schwarze Gold gemeinhin als Synonym für Kohle oder Erdöl verwendet wird, wertet Himmel den Begriff auf seine reichen Schallplattenbestände an, aus denen er Skulpturen wie Plattenschlagzeug (2008) oder die Installation Plattenboden (2010) fertigt, ihre Hüllen gar als serielle Unikate für den Aufdruck Music was my first Love (2009) nutzt. Hier gibt sich der Künstler als orientalischer Magier mit Wunderlampe. All die LPs sind im künstlerischen Recycling-Prozess begriffen, keine einzige wurde hier auf dem regulären Warenmarkt erworben. Klangspeicher werden Material für ein höheres künstlerisches Dasein. Der Titel und die orientalische Anmutung wurden übrigens abgeleitet aus dem Timm-und-Struppi-Heft gleichen Namens, dessen erste Auflage am 28.9.1938 datiert.
Der bis jetzt aufwändigste Linoldruck trägt den Titel Never stop exploring – ursprünglich der Name einer Sonderedition des Sportbekleidungsherstellers „The North Face“. Die Arbeit entstand im Jahr 2023 und ist knappe 2 Meter hoch. Sie zeigt den gelb gekleideten Künstler, wie er auf die Kuppe eines Berges aus Plastikmüll steigt und im Begriff ist, eine weiße Fahne auf der Spitze anzubringen. Er spielt auf mehrere weltbekannte Bildwerke an. Eins davon ist zur Ikone der Pop Art geworden: The portable War Memorial aus dem Jahr 1968 von Edward Kienholz. Mit der Soldatengruppe, die die Flagge aufrichtet, zitiert Kienholz das tatsächliche Marine Corps War Memorial von Felix Weldon aus dem Jahr 1954 in Rosslyn (Virginia). Malerisch umgesetzt wird die fotografische Vorlage Raising the Flag on Iwa Jima vom 23.2.1945 von Joe Rosenthal auf einem Poster mit dem Aufruf zur Kriegsanleihe vom 4.7.1945 mit dem Text „NOW ALL TOGETHER“. Für Himmel waren aber gleichermaßen das Flaggenaufrichten in der Fotografie von Jewgeni Chaldei von Bedeutung, ebenso das Setzen der US-amerikanischen Flagge bei der ersten Mondlandung 1969.
In Never stop Exploring wird keine Nationalflagge, sondern die weiße Parlamentärsflagge installiert. Sie verkörpert das Gegenteil von Sieg. Laut der Haager Landkriegsordnung (29.07.1899) dient sie dem Schutz der Unterhändler, wurde aber auch Ausdruck der kampflosen Kapitulation. Himmel erklimmt die Plastikmüllhalde in einem großen PVC-Entsorgungsbetrieb im saarländischen Großrosseln. Er ist von der Farbenpracht und der schieren Größe der Halde beeindruckt. Sie drängt ihn zur künstlerischen Tat, die zur Lösung eines gigantischen globalen Plastikmüllproblems beitragen soll. Der von Joseph Beuys geprägte Begriff „Soziale Plastik“ erhält hier eine Erweiterung seiner Bedeutung. Die Forderung nach einer Kunst, die in gesellschaftliche Prozesse eingreift, nimmt Himmel auf. Er steigt in einem performativen Akt auf die Müllhalde und setzt die weiße Fahne zum Schutz vor den Problemen. Dem Bild geht die Begehung als künstlerische Aktion voraus. Eine Fotografie dokumentiert das Geschehen und dient als Vorlage für den Linoldruck. Dessen Herstellung ist wiederum eine Übersetzung des technischen Bildes in einen handwerklichen Prozess, in eine Arbeit für Hand, Auge und Kopf. Gibt es Hoffnung oder nur die Kapitulation? Es gibt Hoffnung, denn schließlich ist der Tat- und Bild-Ort Teil der Problemlösung: ein Recyclingbetrieb – ebenso wie die Werkstatt des Künstlers.
Auf seiner Homepage liest man zuerst „Der Künstler lebt vom Kunstverkauf“, eine Aussage von bestechender Wahrheit, die selten geäußert wird, spürt man doch zu oft die Verdrängung dieser Tatsache in übersteigertem Idealismus eines romantischen Künstlerverständnisses. Bei Himmel steckt mehr dahinter als nur eine mit der Feststellung verbundene Aufforderung. Denn er hat für seine Kunst (und die seiner Frau Katharina Krenkel) nicht nur eigene Vertriebsformen umgesetzt, sondern Verkaufsperformances entwickelt. Sehr bekannt sind die „Kunst-zu-Hause-Abende“, auf denen er bis 2019, Tupperparties rezipierend, leicht transportable Kunstwerke zu kleinen Preisen anbot. Zum ersten Abend gab es A House is not a Home. 2002 folgte Ich will Cash. 2008 organisierte er die im Alltag so verschrienen Kaffeefahrten, die in Verkaufsveranstaltungen im Dienst seiner Kunst enden. Während der Pandemiezeit 2020–2022 boten er und Katharina Krenkel im Lockdown Kunst-Care-Pakete an. Sie wurden verschickt. Wer wollte, spendete freiwillig. 2025 startete das neue Format Heaven’s Human Jukebox – wir hören was wir sehen. Himmel stellt seine Plattenlabels vor, spielt eine passende Single ab und liefert Hintergrundinfos zu Bild und Label. Synästhesieerlebnisse und Verkäufe sind möglich.
Roland Augustin
Redaktion: Eva Keller, Leonie Sina Stark, Petra Wilhelmy
Alle Abbildungen: VG Bild-Kunst, Bonn
| Privatpersonen | Schüler*innen, Studierende | Praxen, Kanzleien, gewerbliche Einrichtungen und Firmen | |
|---|---|---|---|
| je Kunstwerk | 50 € | 30 € | 80 € |
Für alle Entleiher gilt: