Pierrot Lunaire, 1998, Serie, Mischtechnik auf Plastikfolie, je 20 x 10,3 cm. Fotos: Gerhard Heisler
Neptun, 1999, aus der Serie Planetensounds, Mischtechnik auf Leinwand, 220 x 200 cm. Foto: Michael Böttcher-Entenmann
Kosmische Evolutionen V, 2004, aus der Serie Kosmische Evolutionen, Acryl auf Leinwand, 250 x 200 cm. Foto: Michael Böttcher-Entenmann
Fürstenhausen Kirche Schmerzhafte Muttergottes, 2001, aus der Serie Völklinger Plätze Kunst, Acryl auf Leinwand, 200 x 100 cm. Foto: Nikola Dimitrov
Jede Künstlergeneration entwickelt ihre eigenen Stile und Arbeitsweisen in der Auseinandersetzung mit der Kunst ihrer Vorgänger. Dies gilt auch für die aktuelle Künstlergeneration, die mit der abstrakten Malerei nach 1945 aufgewachsen ist, also mit Abstraktem Expressionismus und Informel, Farbfeldmalerei, Hard Edge Painting, Minimal Art und Op Art. Diese Künstlerinnen und Künstler verbinden heute traditionelle Bildvorstellungen und Arbeitsmethoden miteinander, die noch vor wenigen Jahrzehnten als vollkommen unvereinbar galten. Zu ihnen zählt auch Nikola Dimitrov.
Schon ein erster flüchtiger Blick auf seine Werke offenbart, dass er eine Form der abstrakten Malerei pflegt, die auf der seriellen Anordnung immer gleicher, modularer Elemente beruht. Meist senkrechte, stets gleich lange Striche dienen als Grundelement seiner streng nebeneinander platzierten waagerechten Reihen. Wie beim Schreiben von links nach rechts und von oben nach unten setzt der Künstler Strich um Strich und Reihe um Reihe und erzeugt so eine orthogonales System aus senkrechten Linien und waagerechten Reihen, welche die Bildfläche gleichmäßig bis zu ihren Rändern ausfüllt.
Mit dieser streng seriellen Struktur, die jede Form des kompositorischen Spiels mit unterschiedlichen Bildelementen ausschließt, stellt sich der Künstler in die Tradition der Minimal Art, wie sie sich in den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts herausgebildet hatte. Sie wurde von Künstlerinnen und Künstlern wie Frank Stella, Elsworth Kelly, Donald Judd oder Agnes Martin entwickelt, die in ihren Werken jede Form des individuellen künstlerischen Ausdrucks vermeiden wollten. Dementsprechend arbeiteten sie mit rein geometrischen Formen und seriellen Strukturen, die ohne jeden Verweis auf die äußere Welt, individuelle Kreativität oder philosophische Bedeutungen sein sollten. Frank Stella brachte diese Haltung auf die griffige Formel: “What you see is what you see”.
Die Minimal Art vollendete damit jenen Prozess der Abstraktion, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts begonnen hatte und als die systematische Dekonstruktion des traditionellen Bildbegriffs beschrieben werden kann. Schon die ersten abstrakten Künstler stellten mit ihren Bildern, die um 1905/06 entstanden, das klassische Abbildparadigma in Frage, dem zu Folge das Bild die Funktion habe, die äußere Realität genau wiederzugeben. An die Stelle präziser Nachahmungen der äußeren Natur setzen Künstler wie Henri Matisse oder Ludwig Kirchner kühne Abstraktionen in Form und Farbe, denen noch vor dem 1. Weltkrieg die ersten vollkommen abstrakten Kompositionen aus rein geometrischen Formen bei Kasimir Malewitsch oder freie Farbgesten bei Wassily Kandinsky folgten. Das bewusste künstlerische Spiel mit den gegenstandsunabhängigen Bildelementen, d.h. die abstrakte Komposition, wurde schließlich nach dem 2. Weltkrieg vom Abstrakten Expressionismus und Informel einerseits und der Farbfeldmalerei andererseits über Bord geworfen. An deren Stelle setzten die neuen Stile entweder die vollkommen freie gestische Gestaltung ohne Kompositionsregeln (Informel) oder und eine monochrome Farbfläche, die gar nicht oder nur wenig strukturiert ist (Farbfeldmalerei).
Diesen Ansatz radikalisierten in den 1960er Jahren die Hard Edge Malerei und die Minimal Art noch weiter, indem sie geometrische Form als modulares Element verwendeten, das sich – seriell reproduziert – beliebig in der Fläche oder im Raum ausdehnen konnte. In der Malerei wurde damit die Leinwand als Bildträger und rechteckige Grundfläche für die intuitive Bildkomposition überflüssig. An ihre Stelle traten „geformte“ Leinwände, die Shaped Canvases, deren Außenform aus dem modularen Aufbau der Binnenform resultiert. Die klassische Komposition wurde durch die serielle Bildstruktur ersetzt.
An diese Tradition des modularen Bildaufbaus aus seriellen Elementen knüpft Nikola Dimitrov an, ohne dabei jedoch die rechteckige Leinwand aufzugeben. Hierzu stimmt Dimitrov die Länge der senkrechten Striche mit dem Format des Bildträgers so ab, dass die Höhe der Leinwand stets einem ganzen Vielfachen der Strichlänge entspricht. Die Striche als serielle Binnenform und die orthogonale Gesamtform bilden dadurch ein harmonisches Ganzes, in dem die Rolle der rechteckigen Leinwand als Grundlage der Bildgestaltung gewahrt bleibt. Kompositorisch geht der Künstler also hinter die radikalen Bildformen der Hard Edge Malerei zurück; in der Wahl seines seriellen Grundmoduls schlägt er jedoch einen neuen Weg ein. Denn seine senkrechten Striche sind keine absolut gleichmäßigen, mechanisch gesetzte Farbformen wie sie für die Hard Edge Malerei und die Minimal Art typisch sind, sondern es handelt sich um mit sichtbarem Duktus aufgetragene Linienformen. Damit arbeitet der Künstler mit einem wesentlichen Element der informellen Malerei: dem individuellen Pinselduktus, den er zum Grundmodul seiner seriell-minimalistischen Malerei macht.
Mit dieser Verbindung von malerischem Gestus und geometrisch-serieller Struktur verfolgt Dimitrov eine Strategie, wie sie für seine Künstlergeneration typisch ist: Sie verbindet ursprünglich gegensätzliche Formen der Abstraktion miteinander. Dieses Vorgehen resultiert aus der Einsicht, dass der ursprüngliche Entwicklungsweg der Abstraktion in den 1960er Jahren an sein Ende gelangt war. Er bestand in der zwar nicht gradlinigen, aber letztlich doch systematischen Dekonstruktion des abbildhaften Kunstwerkes. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann dieser Prozess mit der Abwendung vom Abbildparadigma und führte in den 1950er Jahren zur Auflösung der Komposition als zentralem malerischen Gestaltungsmittel. Seinen Abschluss fand er schließlich in den 1960er Jahren in der materiellen Auflösung des Bildträgers selbst, wie sie Lucio Fontana vollzog, indem er Leinwände mit Löchern und Schnitten versah und damit das Bild in ein plastisches Objekt umwandelte.
Damit endete zugleich die Epoche der klassischen Moderne, deren künstlerische Innovationen im Wesentlichen auf der Dekonstruktion des traditionellen Bildbegriffs beruhten. Die Generation der postmodernen Künstler steht seither vor der zentralen Frage, wie eine innovative und originelle Form der Abstraktion heute aussehen kann. Viele Künstlerinnen und Künstler antworten darauf aktuell mit der Kombination von Bildformen, die in der Geschichte der Abstraktion bisher als vollkommen unvereinbar galten. Dies trifft besonders auf den Gegensatz zwischen der höchst individualistischen und gestisch-expressiven Malerei des Informel und den bewusst objektivierenden, geometrischen Strömungen der Abstraktion (Farbfeldmalerei, Konkrete Kunst, Hard Edge und Minimal Art) zu.
Genau diese Verbindung von gestischen und geometrischen Elementen der Abstraktion bildet die Grundlage von Nikola Dimitrovs künstlerischer Arbeitsweise. Ironischerweise handelt es sich bei dem für ihn typischen Pinselstrich genau genommen um Tupfer, denn der Künstler drückt die Farbe mit der Spitze von breiten Flachpinseln auf die Leinwand. Die lebendig wirkenden Linien entstehen also nicht aus einem klassischen Pinselzug, sondern aus einer minimalen Stempelbewegung. Nikola Dimitrov selbst weist explizit darauf hin: „Ich ziehe keine Linien, ich tupfe oder stemple mit dem Pinsel.“ Wobei er mit dieser Methode unterschiedliche Linien erzeugen kann: Dünne, körnige Striche entstehen durch leichte Tupfer; satte Striche werden mit kräftigem Druck erzeugt, und breite Linien resultieren aus einem kurzen, dynamischen Pinselzug.
Meist arbeitet Dimitrov mit vertikalen Strichen, doch er verwendet auch waagerechte und schräge Linien in unterschiedlichsten Winkeln. In seinen Bildern kommen dabei niemals alle möglichen Stricharten und -richtungen gleichzeitig zum Einsatz, denn dadurch ginge jede sichtbare Struktur verloren. In der Regel beschränkt er sich auf zwei bis drei verschiedene Linientypen je Bild, die er mittels Richtung und Rhythmus der Reihung differenziert. In der Bildserie Aria hat Dimitrov einmal durchgespielt, welche Kombinationsmöglichkeiten sich aus drei Farben, drei verschiedenen Stricharten und und drei Ausrichtungen ergeben. Unter anderem entstehen so Bilder, in denen drei vertikale Strichlagen einfach rhythmisch nebeneinandergelegt sind oder eine waagerechte mit zwei senkrechten Strichlagen kombiniert wird. Bei den Bildern, die eine vertikale mit unterschiedlich schräg gestellten linearen Folgen kombinieren, entstehen interessante Moiré-Muster. Dabei handelt es sich um organoid-geschwungene Strukturen in der Art von Marmorierungen oder Holzmaserungen, die aus den Schnittpunkten der darunterliegenden Liniengitter hervorgehen. Mit der Bildserie Aria zeigt Nikola Dimitrov auf eindrückliche Weise, wie aus der Verknüpfung weniger unterschiedlicher Linienformen und Strichrichtungen jeweils neue, überraschende Strukturmuster entstehen. Die Bilder beeindrucken mit Lebendigkeit und struktureller Vielfalt.
Als weitere Komponenten kommen die Abstände zwischen jeweils gleichartigen Strichen, also ihr Rhythmus sowie die Anordnung der Reihen untereinander hinzu. Letztere erzeugt erst das All-Over des Bildes, also dessen Gesamtstruktur. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige grundlegende Anordnungsmuster genannt: 1. Strikt serielle Reihen aus parallelen Strichlagen, 2. strikt serielle Reihen aus halb versetzten Strichlagen, 3. Reihen von vertikalen und horizontalen Strichlagen, die quadratische Module bilden, 4. zwei gegenläufige, schräge Strichreihen, die ein Moiré-Muster erzeugen. In Kombination mit unterschiedlichen Farben ermöglicht diese Arbeitsstrategie die Produktion einer praktisch unbegrenzten Anzahl von Bildmustern. Nikola Dimitrov hat sich damit ein Wirkungsfeld eröffnet, das er – aller Voraussicht nach – in seinem gesamten Künstlerleben niemals vollkommen erkunden kann.
Postmodern im Sinne der Verbindung von ehemals gegensätzlichen Positionen der klassischen Abstraktion ist der Künstler noch in einem weiteren Bereich. Während die Minimalisten ihre Werke ohne jeglichen Bezug zur äußeren Realität gestalteten, stellt er genau diese Verbindung mit seinen Bildtiteln bewusst her. Zwar verweisen sie niemals direkt auf die sichtbare Welt, aber mit Begriffen wie LichtSchattenRaum, Aria, KlangRaum, Nocturne oder NachtStück thematisieren sie explizit Musik- und Raumerfahrungen, also grundlegende menschliche Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte. Sie bringen damit jenes subjektive Empfinden ins Spiel, das die Minimalisten vermeiden wollten. Auch in dieser Hinsicht erweist sich Nikola Dimitrov als typischer Vertreter der Postmoderne, der auf originelle Weise Subjektivität und Emotionalität mit streng autonomen, seriellen Bildformen verschmilzt und damit einen eigenständigen Beitrag zur zeitgenössischen Abstraktion leistet.
René Hirner
Redaktion: Doris Kiefer, Andreas Link, Petra Wilhelmy
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