Institut für aktuelle Kunst

Selbstportrait, ca. 1955, 32 x 27,2 cm
Dorothe, 1953, Gelatinesilber, 28 x 37,9 cm, Sammlung Ann und Jürgen Wilde, Zülpich
Schauspielerin, Leiden, 1953, 38 x 29,5 cm
Gertrud Roll, 1959, Gelatinesilber 29 x 39,2 cm, Sammlung Ann und Jürgen Wilde, Zülpich
Hildegard Knef, 1963, 23,5 x 30 cm
Witold Gombrowicz, 1965
Witold Gombrowicz, 1965
Witold Gombrowicz gewidmet, SW-Fotografie, Mehrfachbelichtung, 1973
Paar, SW-Fotografie, Mehrfachbelichtung, 1973
ohne Titel, SW-Fotografie, Mehrfachbelichtung, Sammlung Saarland Museum Saarbrücken, 1977
ohne Titel, 2005, Acryl auf Pappe, 70 x 90 cm

Garthe, Hanne

Fotografin
geboren 1932 in Wuppertal-Elberfeld
Kategorien: Fotografie, Malerei

Künstlerin und Werk

"Liebe Hanne," schreibt Otto Steinert 1973 in einem Gruß, der dem Ausstellungskatalog der Pfalzgalerie Kaiserslautern beigefügt ist, "die Gebrauchsfotografie konnte ich dir kaum beibringen, statt dessen hast du gelernt Bilder zu machen, das schien mir auch das Wichtigere zu sein."

Seine ehemalige Schülerin kann zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine erfolgreiche Laufbahn als Porträt- und Theaterfotografin zurückblicken und ist dabei, ihre erste Einzelausstellung vorzubereiten. Von den bekannten Porträts, Landschaften, Theater-, Ballett- und Fernsehfotos, von deren Herstellung sie lebt, wird in dieser Ausstellung allerdings nichts zu sehen sein. Hanne Garthe nimmt, wie es Hans Leyser im Katalogtext ausdrückt, "deutlich Abstand von der professionellen Seite des Metiers". Es zeigt sich hier eine Ambivalenz, die sich durch das gesamte spätere Werk zieht. Einerseits die beachtete Porträtistin, deren Bildnisse Eingang in wichtige Fotografiesammlungen der Nachkriegszeit gefunden haben, andererseits die scheue und zurückhaltende freie Künstlerin. Ihre eigene Fragilität und das Wahrnehmen und zärtliche Betrachten der Fragilität anderer ist nicht etwa eine Schwäche im Werk Hanne Garthes, es ist das, woraus seine Qualität erwächst. Ihre außergewöhnliche Begabung für das Porträt, die Steinert schon früh erkennt und fördert, gründet auf einer ausgeprägten Fähigkeit zur Empathie und einem starken Bewusstsein für die Brüchigkeit der menschlichen Existenz. Ihr eigentliches Thema, von dem das Porträt immerhin ein Stück Weges ist, wird sich erst später herauskristallisieren, es heißt Veränderung, Variation, Metamorphose, Zeit. 

"Ich lebe zwischen den Jahren von gestern und den Jahren von morgen - der Raum ist schmal - hier lebe ich also", notiert die 44-jährige und es kann kein Zufall sein, dass die von ihr praktizierte Fotografie gerade diejenige Kunstform ist, die es als einzige vermag, diesen schmalen Raum sichtbar werden zu lassen, diesem einen Moment, der im nächsten schon vorüber ist, Dauer zu verleihen. 

Die Kaiserslauterner Ausstellung zeigt "Fotografische Bilder". Bilder, die den Zeitaspekt nicht mehr implizit im Medium sondern nunmehr explizit im Bild ausdrücken. Hanne Garthe komponiert sie aus mehreren Negativen, die sie übereinander schiebt, collagiert oder während der Belichtung bewegt. Menschliche Gestalten werden überlagert mit Felsenformen, Wogenbildern, Erdkrusten, Schneeschichten, pflanzlichem Geblätter. Es entstehen Stein- und Pflanzenmenschen, verzerrte Schemen, mythisch anmutende Gestalten aus einer anderen, einer immer vergangenen und immer gegenwärtigen Zeit. Die Schichten lassen etwas von der Komplexität der Beziehungen aufscheinen, die den Menschen mit der Natur, das Geistige mit dem Stofflichen verbinden. Motivisch variiert sie Themen wie Sexualität und Körperlichkeit mit großer Intensität. Literarische und kunsthistorische Bezüge werden in einigen Bildtiteln deutlich ("Daphnis und Chloe", "Amerika", "Hommage à Max Ernst"). Politisch motivierte Arbeiten, die vor allem während der kurzen Zeit ihrer Mitgliedschaft in der "Gruppe 7" entstehen, wie etwa "Der Mensch, des Menschen Feind", 1977, greifen das erarbeitete Formenvokabular auf.

Auch wenn der Mensch noch im Zentrum des Werks steht, eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielt in diesen Arbeiten der 1970er Jahre die Natur. Zunächst sind es vor allem Steinstrukturen, in denen die Künstlerin "Nervensysteme, Sinnbilder für den Fluss des Lebens" erkennt. Später wächst ihre Begeisterung für alles Pflanzliche, das sie im Schopenhauerschen Sinne als zur ästhetischen Betrachtung aufforderndes, gleichsam perpetuierendes Schauspiel des Lebens begreift.

Hanne Garthe übt ihren Beruf als Porträt- und Theaterfotografin noch bis in die frühen 1990er Jahre aus. Es entstehen während dieser Zeit auch weiterhin interessante Aufnahmen von Schauspielern, Künstlerfreunden und Schriftstellern. Witold Gombrowicz, den sie in den 1960er Jahren mehrmals im südfranzösischen Vence besucht, lässt sich von ihr porträtieren. Die Fotografien, eindrückliche Zeugnisse einer ebenso charismatischen wie zarten und verletzlichen Künstlerpersönlichkeit, finden sich heute in vielen Werkdokumentationen und Biografien des polnischen Schriftstellers. 

Mit dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn folgt ein Schritt, der überraschend, wenn nicht gar irritierend ist: sie gibt die Fotografie ganz auf und widmet sich von nun an ausschließlich der Malerei. Spätestens jetzt hat sie sich endgültig vom Abbildhaften gelöst. Sie entdeckt die Farbe als Material und Ausdrucksmittel. Aus der Fotografie rettet sie lediglich ihr Gespür für Kompositorisches, ihre Vorliebe für filigrane Strukturen und Hell-Dunkel-Kontraste, sowie das über- und gegeneinander Schichten verschiedener Texturen ins neue Medium herüber. Sie genießt die Freiheit, sich in der Malerei einer eindeutigen Aussage entziehen zu können und trifft ihre Bildentscheidungen aus der Farbe heraus. Als "Bildermacherin" hat Otto Steinert sie in seinem eingangs zitierten Gruß bezeichnet und vielleicht ist es genau diese Offenheit, die die Gratwanderung ihres vielgestaltigen Werks treffend beschreibt.

Nina Jäger

Biografie

  • 1932
    geboren in Wuppertal-Elberfeld
  • 1952-56
    Studium bei Prof. Otto Steinert an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk Saarbrücken, Fotoklasse
  • 1956-60
    Sprachenstudium in Paris und Frankfurt/Main
  • 1960-93
    freie Porträt- und Theaterfotografin (1960-63 Staatstheater Saarbrücken, 1962-82 Saarländischer Rundfunk und Südwestfunk, 1982-93 Staatstheater Saarbrücken)
  • 1975-1978
    Mitglied der Gruppe 7
  • seit 1991
    als Malerin tätig
  • lebt in Saarbrücken

Einzelausstellungen

  • 1964
    "Ehemalige Studierende der Schule für Kunst und Handwerk Saarbrücken", Werkkunstschule Saarbrücken (mit Brigitte Schuller und Dorothea Zech)
  • 1973
    "Fotografische Bilder", Pfalzgalerie Kaiserslautern, Saarländischer Rundfunk Saarbrücken
  • 1974
    "Fotografien", Buchhandlung Saarbrücker Zeitung Saarbrücken
  • "6. ausstellung saarländische künstler in der vertretung des saarlandes", Vertretung des Saarlandes beim Bund, Bonn (mit Monika von Boch und Paul Schneider)
  • 1976
    "Fotografien", Metz
  • 2005
    "Porträts der 50er/60er Jahre", Galerie Sabine Schmidt, Köln
  • 2007
    "Malerei", Galerie im Forum, Homburg
  • 2016
    "Hanne Garthe Lichtbildnerin", KuBa, Saarbrücken
  • "Hanne Garthe Lichtbildnerin", Saarländische Galerie - Europäisches Kunstforum, Berlin

Ausstellungsbeteiligungen

  • 1953
    "Grafik-Fotografie-Fotografik", Klasse Otto Steinert, Amerika-Haus, München
  • 1954/55
    "subjektive fotografie II", Schule für Kunst und Handwerk, Saarbrücken
  • "subjektive fotografie II", Biennale de la Photo et du Cinéma, Grand Palais, Paris, Frankreich
  • Ausstellung der Klasse für Fotografie unter der Leitung von Otto Steinert, Göteborg, Schweden
  • 1955
    Ausstellung der Klasse für Fotografie unter der Leitung von Otto Steinert im Institute of Design in Chicago, USA
  • 1956
    "Gestalterische Fotografie", Fotoklasse Otto Steinert, Institut für neue technische Form, Darmstadt
  • "subjektive fotografie II", Takashimaya-Halle, Tokio, Japan
  • "subjektive fotografie II", Osaka, Japan
  • 1975
    "LBK Saarland 1975", Pfalzgalerie Kaiserslautern"
  • dpa – Zeitmesser. 34 saarländische Künstler arbeiteten mit dpa Nachrichten vom 22. September 1975", Galerie St. Johann Saarbrücken
  • 1976
    "Nonconfrontation" Moderne Galerie, Saarbrücken
  • Pfälzische Sezession
  • 1977
    "Künstlerische Fotografie", Moderne Galerie, Saarbrücken
  • "Gruppe 7", Kunstverein Darmstadt, Kunsthalle am Steubenplatz
  • Wanderausstellung "Gruppe 7" durch die UDSSR
  • 1978
    "Gruppe Sieben", Saarlandmuseum Moderne Galerie
  • Wanderausstellung "Gruppe 7", Kanada
  • 1979
    "Künstlerische Bildnisfotografie", Moderne Galerie Saarland Museum, Saarbrücken
  • 1990/91
    "Otto Steinert und Schüler, Fotografie und Ausbildung 1948 bis 1978", Fotografische Sammlung im Museum Folkwang, Essen
  • 2002
    "subjektive fotografie. Otto Steinerts Schüler in Saarbrücken 1948-1959", Ludwig Galerie Schloss Oberhausen
  • "subjektive fotografie. Otto Steinerts Schüler in Saarbrücken 1948-1959", Museum Haus Ludwig für Kunstausstellungen, Saarlouis
  • 2003/04
    "Künstler zeigen Künstler", Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken
  • 2009
    Gebanntes Licht - Die Fotografie im Saarlandmuseum von 1844 bis 1995, Moderne Galerie Saarlandmuseum, Saarbrücken

Werke in Sammlungen

  • Saarland Museum Saarbrücken
  • Museum Folkwang Essen
  • Sammlung Ann und Jürgen Wilde, Zülpich

Bibliografie

Monografien

  • Hanne Garthe – Fotografische Bilder. Mit einem Textbeitrag von Hans Leyser. Kaiserslautern 1973

Sammelschriften

  • subjektive fotografie 2. München 1955
  • Otto Steinert und Schüler. Folkwangschule für Gestaltung Essen 1965
  • LBK Saarland 1975. Kaiserslautern 1975
  • Zeitmesser dpa. Saarländische Künstler arbeiten mit Nachrichten. Saarbrücken 1975
  • Nonconfrontation. Saarbrücken 1976
  • Saarlandmuseum Moderne Galerie Künstlerische Fotografie. Saarbrücken 1977
  • Gruppe 7. Kunsthalle Darmstadt 1977
  • Saarland Museum Künstlerische Bildnis-Fotografie. Saarbrücken 1979
  • Otto Steinert und Schüler, Fotografie und Ausbildung 1948 bis 1978. Fotografische Sammlung im Museum Folkwang, Essen. Essen 1990
  • subjektive fotografie. Otto Steinerts Schüler in Saarbrücken 1948-1959. Oberhausen 2002. S.76-81, 105-107
  • Künstler zeigen Künstler. Saarländisches Künstlerhaus. Saarbrücken 2003
  • sichtbar machen. Staatliche Kunstschulen im Saarland 1924-2004. Saarbrücken 2006 
  • Gebanntes Licht. Die Fotografie im Saarlandmuseum von 1844 bis 1995. Saarbrücken 2009

Veröffentliche Fotografien und Erwähnungen in Werken von und über Witold Gombrowicz (Auswahl)

  • Witold Gombrowicz: Tagebuch 1953-1969. München Wien 1988
  • Rita Gombrowicz: Gombrowicz en Europe: témoingnages et documents. Paris 1988
  • Withold Gombrowicz: Trans-Atlantik. Editions Folio Paris 1990
  • Licha?ski Jakub Z.: Gombrowicz w Europie. Twórczo?? 1994
  • Rita Gombrowicz: Gombrowicz w Europie. 1963-1969. Krakau 1993 
  • Witold Gombrowicz: Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze. Carl Hanser Verlag München Wien 1996
  • Witold Gombrowicz: Texte und Bilder. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Frankfurt am Main 1998
  • The World of Withold Gombrowicz 1904-1969. Yale University New Haven 2004

Theater- und Porträtfotografie in Ausgaben der Monatszeitschrift "Saarheimat"

  • Saarheimat, Jahrgang 5, Heft 10, 1961, S. 21, 22, 24
  • Saarheimat, Jahrgang 6, Heft 1, 1962, S. 26
  • Saarheimat, Jahrgang 6, Heft 4, 1962, S. 21, 24, 25, 31
  • Saarheimat, Jahrgang 6, Heft 5, 1962, S. 7
  • Saarheimat, Jahrgang 6, Heft 6, 1962, S. 24-26
  • Saarheimat, Jahrgang 6, Heft 7/8, 1962, S. 54-58
  • Saarheimat, Jahrgang 6, Heft 11, 1962, S. 7, 17, 20, 23, 24,  31
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 1, 1963, S. 28, 29
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 2, 1963, S. 90
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 5, 1963, S. 139
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 6, 1963, S.174-177, 186
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 7, 1963, S. 216, 217
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 8, 1963, S. 255 
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 9, 1963, S. 274, 280
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 11, 1963, S. 343, 344
  • Saarheimat, Jahrgang 7, Heft 12, 1963, S. 38

Quelle

  • Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Archiv, Bestand: Garthe, Hanne (Dossier 490)

Nina Jäger