Institut für aktuelle Kunst

Laboratoriumsgespräch mit Wolfgang Nestler und Johannes Kühn
Laboratoriumsgespräch mit Wolfgang Nestler und Johannes Kühn

Laboratoriumsgespräch 12

Zur neuen Bestimmung der Völklinger Hütte

Hochofenprunken
bei Arbeitsmacht der Männer
wird fast vergessen, und ersetzend
das alte Feuer
sind Lampen für die Nacht,
den Hüttenkoloß
farbenreich beleuchtend, aufgebaut.

Prometheus
hat man hier vorgestellt,
den Heroen, der diese Welt mit großen Werken
bestückt hat, und er wurde hoch geehrt.
Sein Geist herrscht immer noch.
Er wird nicht sterben.
Weint keine Tränen.
Vielleicht, dass der Unsterbliche nur träumt,
so wie die Hütte
kein Erz mehr befördert,
nur noch sinnt
bei immer neuen Bildern
der Künstler.

Die großen Hallen dröhnen nicht mehr vom Maschinenlärm,
von Besucherschritten manchmal,
die zu einer Schau für Fraun und Männer
des nahen Lands,
des fernen Lands
neugierige Herzen tragen.

Es ist nicht falsch,
nach soviel Arbeit,
jahrhundertlanger,
zu träumen.
Es ist Gewinn der Seelen,
für die's geschieht.

Die Hütte wurde neu entdeckt,
Kultur und Welterlebnis
vermittelt sie noch immer.
Künstlerisch belebt sind nun die Hallen.
Koreaner, Deutsche schaffen hier
Bildwerke,
die bis in den Schlaf uns überzeugen.

Drängen wir uns hoffnungsvoll
in ihre Räume
und schauen.

28.11.03
Johannes Kühn


Herold des Handwerks
Lesung von Johannes Kühn
Nein, keine atmosphärischen Untermalungen, sondern der schnöde Termindruck ließ das 12. Laboratoriumsgespräch im Institut für aktuelle Kunst ganz ungewohnt um 20.30 Uhr beginnen, obschon der Titel der Grafikmappe Lampen für die Nacht die späte Stunde gerechtfertigt hätte. Der Grund war freilich ein anderer: Am gleichen Tag feierte man in der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken "80 Jahre Gestaltungslehre im Saarland". Das 1993 gegründete Institut für aktuelle Kunst im Saarland gehört als so genanntes An-Institut zur Kunsthochschule. Daher war erst Saarbrücken an der Reihe, bevor man in Saarlouis zum Tagesgeschäft überging. Dazu gehört immer auch das Gespräch über aktuelle Projekte der Kunsthochschule, diesmal war die Klasse von Wolfgang Nestler zu Gast. Zusammen mit den Studierenden der Kaywon School of Arts & Design in Korea und dem Leiter der Druckwerkstatt der Kunsthochschule, Ullrich Kerker, entstand die Grafikmappe Lampen für die Nacht, die im Laboratorium gezeigt wurde.

Aus Anlass des 70. Geburtstags des Dichters Johannes Kühn legte man diese Mappe vor, die eine Zeile aus dem Kühn-Gedicht "Zur neuen Bestimmung der Völklinger Hütte" als Überschrift wählte. Korea, Völklingen, Tholey und der Schaumberg – in dieses Netz der Begegnung war nun auch Saarlouis mit einbezogen. Von dort ging es in den Versen Johannes Kühns nach Auvers-sur-Oise, wo einst Vincent van Gogh lebte, dann nach Völklingen zurück, wo nun Kunst und nicht länger Eisen gemacht wird, und wieder zurück nach Saarlouis. Dort im Institut kamen die Gedichte zusammen mit den Erinnerungen von der Begegnung von Kühn und der Klasse vor mehr als zehn Jahren in Tholey. "Ohne Herold ist wenig zu machen", hatte Johannes Kühn den jungen Künstlern gesagt und denjenigen gemeint, der für einen von seinem Schaffen spreche. "Sie können selbst ihr eigener Herold sein, aber das wird nicht wahrgenommen." So wurde der Dichter vom Schaumberg zum Herold der Handwerkergasse. Durchaus ein großer Schritt für den Dichter, vom waldreichen Schaumberg nach der Industriestadt Völklingen, gab sein Freund und Herausgeber Benno Rech zu bedenken. Doch lohnte der Schritt gleich doppelt. Kam doch durch ein Wort Kühns vom Rastplatz für die Windstille der Titel für eine Ausstellung der Plastiken Nestlers zu Stande. Irdischer Lohn ward hingegen Kühn zuteil.

Für sein Gedicht über Völklingen gab es ein Buch vom Oberbürgermeister und eine Grafikmappe. Doch jenseits des Papiers bedeutet diese Freundschaft viel. "Das Mitgehen mit den Worten", nennt es Nestler und meint, sich auf einen Rhythmus einzulassen, der sich dem Maschinentakt verweigert und zur Freiheit führt. Dass dies, wie in Völklingen, an einem früheren Ort der Arbeit geschieht, verbindet die Arbeit der Klasse Nestlers mit dem Schaffen Kühns. Diesem Thema bleibt das aktuelle Prosastück "Ein Ende zur rechten Zeit" verbunden, aus dem Irmgard Rech las. Es ist die Geschichte von einem, der Ende der 50er Jahre vor der Menschen überwältigenden Technik floh und gegen den Dämon der Effizienz zu Werk ging und für etwas eintrat, das diese Dinge aufhebt: Damals bewahrte es die Kunst. Oder wieder?

Immer noch!


Sabine Graf