Institut für aktuelle Kunst

Edition Laboratorium 13, von Sigurd Rompza
Edition Laboratorium 13, von Sigurd Rompza
Edition Laboratorium 13, von Sigurd Rompza

Edition Laboratorium 13

Sigurd Rompza
Mappe mit einem Vorsatzblatt,
drei Textblättern
und drei Serigraphien
Format: 42 x 30 cm
Motiv: 30 x 30 cm
Jahr: 2006
Auflage: 30 Exemplare
jedes Blatt einzeln nummeriert und signiert
gedruckt in den Werkstätten
der Hochschule der Bildenden Künste Saar

Die Zeichnung existierte für Sigurd Rompza lange Zeit nur als sekundäres Mittel zur Anfertigung von Skizzen, nicht aber als autonomes Kunstwerk. Seit geraumer Zeit allerdings beschäftigt sich Rompza mit der Problematik der Zeichnung als einem Medium auf plastischen Objekten, welches sich auf die Erfahrungen der Malerei auf Reliefs bezieht. Die auf dem Relief realisierte Linie greift das Bedeutungsspiel des Künstlers mit den Wirkungen von Licht und Schatten, Linien und Flächen, Kanten und Graten der in den Raum gedachten Reliefstruktur auf.

Die drei Blätter der vorliegenden Grafikmappe rekurrieren auf Zeichnungen aus Skizzenbüchern der frühen 1980er Jahre. In diesen Skizzenbüchern fertigt Rompza Skizzen in Serien an, die auf mathematischen Regeln der Anordnung beruhen. Ausgehend von einer quadratischen Grundfläche, die mit einem gedanklichen Quadratraster belegt wird, schafft der Künstler seine Kompositionen, die auf Permutationen von Zahlenreihen beruhen. Auf der Grundfläche werden Linien angeordnet. Die Linien stehen jeweils im gleichen Winkel zueinander und fügen sich in die gedachten Felder des Rasters nach bestimmten zuvor festgelegten Regeln ein. Dabei kommt es nicht selten vor, dass der Künstler eine Zahlenreihe variiert, indem er die Grundfläche um 90 Grad dreht.

Auf der Basis dieser Skizzen entstehen in den 1980er Jahren die so genannten Stegreliefs, die die Linie thematisieren. Auf die quadratische Trägerplatte sind feine Holzleisten aufgeleimt, die durch den sorgfältigen Umgang mit den Schnittkanten unterschiedliche Licht- und Schattenwirkungen evozieren. Das betrachtende Auge erkennt unter wechselndem Lichteinfall die feinen Stege als erhabene Linien oder als Vertiefungen. Die Stegreliefs erweitern die zweidimensionalen Zeichnungen in die dritte Dimension der Raumtiefe. Der Künstler, dessen Arbeitsweise sich seit dieser Zeit nach eigenen Aussagen weg von der systematisch-mathematischen Konzeption hin zu einer »Freihand-Geometrie« entwickelt hat, greift in der Druckgrafik auf diese frühen Skizzen zurück. Die aktuellen Wandobjekte Rompzas emanzipieren sich von der auf rein mathematischen Regeln basierenden Konzeption: »bildnerische regeln verwerfen bedeutet neue regeln schaffen. ohne regeln können wir nicht handeln. vermeintliche regeln sind wie luftblasen. alle regeln müssen sich im sehen behaupten.«1

Die Blätter, die auf diesen Skizzen beruhen, sind jeweils in zwei Druckvorgängen im Siebdruckverfahren gefertigt. Zunächst sind die farbigen Grundflächen gedruckt, die die Linien aussparen. In einem zweiten Vorgang sind die feinen Linien auf das Papier gebracht. Die drei vorliegenden Blätter sind den Grundfarben Gelb und Blau sowie der unbunten Farbe Grau gewidmet, wobei das Grau in einer feinen Nuancierung Spuren von roter Farbe aufweist. Auf der gelben sowie der blauen Grundfläche ordnen sich jeweils Linien in einer der beiden nicht abgebildeten Grundfarben an: Das Blatt, welches ein blaues Quadrat als Grundfläche trägt, wird von sehr hellen Linien, in einem rötlich getönten Weiß durchbrochen, das gelbe Blatt durchschneiden Linien in
einem intensiven Rot. Die graue Grundfläche wird von schwarzen
Linien durchschnitten. Aber nicht nur in der Farbigkeit, sondern auch in der Komposition divergieren das gelbe und das blaue Blatt von dem grauen, obwohl das Prinzip der im Raster angeordneten Linie den drei Druckgrafiken gemein ist. Der blauen und der gelben Komposition liegt jeweils ein die quadratische Grundfläche gedanklich aufschlüsselndes Quadratraster von fünf mal fünf bzw. vier mal vier Einheiten zu Grunde, das graue Blatt lässt sich demgegenüber in ein einfacheres Ordnungsgefüge bringen. Während die Komposition des grauen Blattes auf
wenige Linien reduziert ist, die im rechten Winkel zueinander stehen, erfahren die Kompositionen des gelben und des blauen Blattes eine zunehmende Verdichtung. Die Komposition des gelben Blattes wird aus Linien von zwei unterschiedlichen Längen gebildet, von denen sich zwei Linien überschneiden. In der blauen Komposition dagegen verdichten sich Linien einer Länge derart, dass sich mit Ausnahme von zwei Linien, die frei auf der Fläche liegen, alle übrigen Linien kreuzen.

Die Anziehungskraft der vorliegenden Grafiken besteht in der Leichtigkeit der Linien, die vor der Grundfläche zu schweben scheinen. Die Komposition der Arbeiten ist durch die Reduktion auf Fläche und Linien zu höchster Konzentration verdichtet: »[...] ich habe mich für die Reduktion im Umgang mit den bildnerischen Mitteln entschieden. So konzipierte Bilder sind Konzentrationspunkte meditativer Art.«2 Der scheinbar schwebende Zustand der Linien auf der Fläche, die Schwierigkeit des betrachtenden Auges, die Linien im Sehen zu fixieren, ist ein von Sigurd Rompza intendiertes Charakteristikum seiner künstlerischen Arbeit. Das Sehen zu thematisieren, den Rezipienten durch die eigenen Werke zum sehenden Sehen zu animieren und damit die bloße Wahrnehmung zu überwinden, ist das Hauptanliegen des Künstlers: »wenn sehen mit bewegung zu tun hat, dann ist auch die linie besonders geeignet sehen zu artikulieren.«3

Sandra Kraemer

1 Arbeitsnotiz Sigurd Rompzas vom 8.4.1988, abgedruckt in: Jo Enzweiler [Hg.]: sigurd rompza – sehstücke, Saarbrücken 2005, S. 7.
2 Jo Enzweiler [Hg.]: Interview 10. Sigurd Rompza im Gespräch mit Monika Bugs. Saarbrücken 2000, S. 8.
3 Arbeitsnotiz Sigurd Rompzas vom 25.3.2000, abgedruckt in: Jo Enzweiler [Hg.]: sigurd rompza – sehstücke, Saarbrücken 2005, S. 11.