Institut für aktuelle Kunst

Natascha Popp, Bodenstück, 2007, Sprühlack, ca. 197 x 197 cm
Karin Magar, Textilarbeit, 2007, Metall, Nylongewebe, ca. 25 x 42,5 cm
Mirijam Elburn, Objekt, 2007, Stahlwolle, ca. 42 x 45 x 42 cm
Corinna Wendt, Zeichnungen, 2007, Kreide, ca. 170 x 190; ca. 111 x 336 cm; ca. 117 x 139 cm; Würfel, Metall, 45 x 45 x 45 cm
Yang Fei, Wandmalerei, 2007, Acryl, je ca. 207 x 20 cm
Martine Glod, Wandmalerei, 2007, Acryl, ca. 180 x 419,5 cm
Claudine Kiefer, Wandobjekt, 2007, Kunstfaserseil, ca. 35 x 95 x 98 cm

Ausstellung 16: Studentenatelier Sigurd Rompza

Installationen aus dem Studentenatelier Prof. Sigurd Rompza

15. März bis 15. April 2007

Vom 12. März bis 15. April 2007 sind im Außenraum des Laboratoriums Installationen von Studierenden des Ateliers von Prof. Sigurd Rompza der Hochschule der Bildenden Künste Saar zu sehen. Das Ausstellungsprojekt rekurriert auf die Initiative von Prof. Rompza und wurde unter seiner Leitung von den Studierenden Mirijam Elburn, Yang Fei, Beate Fritzen, Martine Glod, Claudine Kiefer, Karin Magar, Natascha Popp und Corinna Wendt im Wintersemester 2006/2007 erarbeitet. Die gezeigten Arbeiten wurden von den Studierenden für den Ausstellungsort – den Vorplatz und die beiden Innenhöfe des historischen Gebäudes –  konzipiert und zeugen von einer intensiven gedanklichen Auseinandersetzung mit den räumlichen Gegebenheiten.

In unterschiedlicher Weise setzen sich die einzelnen Studierenden mit den räumlichen Bedingungen auseinander. Während Karin Magar, Mirijam Elburn und Corinna Wendt den ersten Hof bespielen, realisieren Martine Glod, Yang Fei und Claudine Kiefer ihre Arbeiten im zweiten Innenhof. Die Arbeit von Claudine Kiefer ist sowohl von der Innenhofseite als auch vom Vorplatz aus wahrnehmbar, weil sie die Schießscharten im historischen Gemäuer des ehemaligen Pulvermagazins thematisiert und damit zwischen Hof und Außenraum vermittelt. Der Vorplatz des Laboratoriums wird durch ein Bodenstück von Natascha Popp bespielt. Die Konzeption einer Künstlerfahne von Beate Fritzen, welche den Eingangsbereich vor dem Laboratorium betrifft, kam aus technischen Gründen nicht zur Ausführung.

Karin Magar wählt für die Realisierung ihrer textilen Arbeiten drei Schießscharten des ersten Innenhofes des Laboratoriums: Sie befestigt Gewindestangen horizontal in den Maueröffnungen, die sie mit farbigem Nylongewebe in den Farben Rot und Blau bespannt. Dabei füllt der gespannte Stoff nicht die gesamte Maueröffnung. Das lichtdurchlässige Textil erlaubt vielmehr eine durch die Farbe veränderte Sicht sowie eine Veränderung des gewohnten Blickfeldes. Karin Magar setzt sich mit dieser Art von Textilarbeiten bereits einige Zeit auseinander. Sie sind im Zusammenhang mit der Malerei zu verstehen, der sich die Künstlerin zeitgleich widmet. Die Textilarbeiten thematisieren vornehmlich die Farbe, weisen durch die Dehnung des Materials aber auch unterschiedliche Farbintensitäten, Transparenz und Lichtdurchlässigkeit auf.

Im Gegensatz zu den drei Wandarbeiten von Karin Magar wählt Mirijam Elburn einen der im ersten Innenhof des Laboratoriums aufgestellten Steinkuben zur Realisierung ihres Objektes. Den bemoosten Steinquader versieht Mirijam Elburn mit einer Umhüllung aus Stahlwolle. Die Struktur der Stahlwolle weist starke Parallelen zu der organischen Struktur von Moosen und Flechten auf, welche den Stein bewachsen. Die Künstlerin verwendet die Stahlwolle in einer Technik, die sie aus dem Bereich des Filzens mit Wolle entlehnt hat. Die an organisches Material erinnernde Struktur der Stahlwolle, welche ein wesentliches Gestaltungsmerkmal bildet, setzt die Künstlerin auch als grafisches Gestaltungsmittel ein. Sie fertigt zeitgleich Drucke, bei denen sie die angefeuchtete Stahlwolle, welche innerhalb weniger Tage Rost ansetzt, auf zartem Papier abdruckt. Die durch Witterungseinfluss bedingte Veränderung des Materials Stahlwolle ist deshalb auch ein von der Künstlerin mitgedachtes Phänomen, welches das Kunstwerk innerhalb der Ausstellungsdauer verändern wird.

In ähnlicher Weise vergänglich sind die Kreidezeichnungen von Corinna Wendt, die im hinteren Bereich des ersten Hofes am Boden ausgeführt sind. Die Zeichnungen basieren auf der künstlerischen Übersetzung von Licht und Schattenverhältnissen. Corinna Wendt wählt die geometrische Grundform des Würfels als Motiv. Die Künstlerin platziert das aus feinen Metallstäben zusammengefügte Gerüst des Würfels in der Sonne und zeichnet die Schatten, welche sich auf dem Steinboden als feine Linien manifestieren, mit weißer, gelber und blauer Kreide nach. Durch die Wanderung der Sonne oder durch die Bewegung des Würfels werden veränderte Schattenwirkungen erzielt, die die Künstlerin in Kreide festhält. Der Würfel bleibt als plastisches Element der Gesamtkomposition an der Stelle stehen, an der Corinna Wendt die letzten Linien gezeichnet hat.

Betritt man den zweiten Innenhof des Laboratoriums, so findet man sich einer Wandmalerei von Yang Fei gegenüber. Der Künstler setzt sich intensiv mit der architektonischen Struktur des Gebäudes beziehungsweise des von drei Begrenzungsmauern umgebenen Innenhofes auseinander. Die Bodengestaltung des Innenhofes ist durch Steinplatten und strukturierende Pflasterungen gegliedert. Die linienförmig quer zur Ausrichtung des Hofes geführten Pflasterungen wählt der Künstler als Anknüpfungspunkt für seine Wandmalerei auf der Begrenzungsmauer. Er führt die am Boden vorgefundenen Strukturen in der gedanklichen Erweiterung an der Wand fort: Yang Fei führt parallel zwei Farbverläufe vertikal vom oberen Abschluss der Mauer bis kurz über den Boden. Der Künstler beschreibt in feinster Nuancierung den Übergang von Schwarz, welches am oberen Ende des Farbfeldes steht, nach Weiß, welches den unteren Abschluss bildet und sich optisch mit dem Weiß der Wand verbindet.

Anders als Yang Fei, aber ebenso eingängig beschäftigen sich Martine Glod und Claudine Kiefer mit den räumlichen Bedingungen des ummauerten Innenhofes. Während Yang Fei das Bezugsfeld für seine Wandmalerei im Innern des Hofes findet, thematisieren die beiden Künstlerinnen die Verbindung des Innenhofes zu dem dahinter befindlichen Außenraum. Ausgangspunkt für die Wandmalerei von Martine Glod, welche sich im hinteren Bereich des zweiten Innenhofes befindet, ist der Blick auf die hinter dem Innenhof sichtbare Fabrikhalle, welche mit einem blauen Rolltor versehen ist. Die zum Teil durch die Begrenzungsmauer des Innenhofes verdeckte blaue Fläche des Rolltores wird für die Künstlerin zu einem Teil ihrer Komposition. Auf die Wand, die zudem wegen der Ecksituation von besonderem Reiz ist, malt Martine Glod eine blaue Farbfläche, welche die dahinter befindliche Farbe des Rolltores aufgreift und die Fläche optisch zur Form eines Quadrates ergänzt. Diese optische Verschmelzung der beiden Farbflächen ist von der Betrachterposition abhängig. Bewegt sich der Betrachter von einem bestimmten Punkt weg, verschieben sich die Flächen gegeneinander und es ergeben sich unzählige Relationen zwischen den beiden Farbformen, wobei der Betrachter stets zwischen den beiden Farbflächen, die durch eine Entfernung von mehreren Metern getrennt sind, fokussiert.

Claudine Kiefer realisiert ihre Arbeit an der vorderen Wand des zweiten Innenhofes, welche zum historischen Gebäudekomplex gehört und mit Schießscharten versehen ist, wie auch die vordere Wand des ersten Innenhofes. Die Künstlerin führt ein rotes Kunstfaserseil von der Innenhofseite aus durch eine Schießscharte nach Außen, um es durch die links davon positionierte Schießscharte von Außen wieder ins Innere des Innenhofes zurückzuführen. In dieser Weise schlingt die Künstlerin das Seil gegen den Uhrzeigersinn sechzehn mal um den Mauersturz. Das horizontal in exakt parallel geführten Schlingen gelegte Seil ist sowohl von der Hofinnenseite als auch vom Vorplatz des Laboratoriums als rote Fläche zu erkennen. Je nach dem in welchem Winkel sich der Betrachter zu dem Wandobjekt befindet, erscheint die rote Fläche durch die Technik und das verwendete Material in zweifacher Hinsicht strukturiert. Einerseits ist eine horizontale Struktur durch das in Schlingen geführte Seil erkennbar. Andererseits weist das Seil in sich eine diagonale Struktur auf, welche vom Herstellungsprozess herrührt. Vom Vorplatz des Laboratoriums betrachtet, korrespondiert das Wandobjekt von Claudine Kiefer mit dem Bodenstück von Natascha Popp, welches die Kiesfläche des Vorplatzes bespielt.

Natascha Popp setzt sich wie auch Yang Fei mit der strukturierten Bodenfläche auseinander. Im Gegensatz zu Yang Fei aber, der in seiner Komposition die Prinzipien auf die Wandfläche überträgt, realisiert Natascha Popp ihre Konzeption am Boden. Die Kiesfläche, welche den Vorplatz des Laboratoriums bildet, ist, wie auch die Innenhöfe, durch eine linienhafte Pflasterung strukturiert. Die Pflasterung zeigt umrissartig das Motiv zweier ineinander geschobener Quadrate, wobei im Zentrum des rechten zusätzlich eine Quadratfläche gepflastert ist, die als Aufstellungsort für Kunst im öffentlichen Raum dient. Dieses durch die Bodengestaltung vorgegebene Prinzip, welches einen möglichen Ort zur Aufstellung eines Kunstwerks bildet, greift die Künstlerin auf und macht es zum Kernpunkt ihrer Konzeption: Natascha Popp grenzt innerhalb der beschriebenen Kiesfläche ein Quadrat ab, welches sie mit Sprühfarbe in leuchtendem Rot versieht. Die Farbfläche korrespondiert mit der gepflasterten Quadratform und bestimmt den Gesamteindruck des Platzes. Durch die unregelmäßige Form der Kieselsteine reflektiert die Farbfläche das Licht in einer Vielzahl von Brechungen und weist so eine belebte Struktur auf. Das Bodenstück von Natascha Popp ist in dieser Form die erste Arbeit der Künstlerin, weist jedoch auch Parallelen zu ihrer Malerei auf, welche sie in Acryl auf Glasplatten fertigt. Natascha Popp thematisiert in der Malerei die offene Bildfläche, die durch die Farbformen bestimmt wird. Ähnlich ist auch das rote Farbquadrat auf der Kiesfläche zu deuten: Die Farbfläche bildet die Bildbegrenzung.

Das Verhältnis von Bildbegrenzung zu Bildfläche thematisiert auch die Konzeption der Künstlerfahne von Beate Fritzen. Die Künstlerin sieht für die Fahne eine Rahmenkonstruktion vor, welche aus Stoff gefertigt ist. Dieser textile Rahmen soll mit dem Motiv eines Barockrahmens bedruckt werden, sodass der Betrachter je nach Ausrichtung der Fahne einen Blick durch den gedruckten Rahmen auf die Umgebung des Laboratoriums richten kann. Den Bezug zum historischen Gebäude stellt Beate Fritzen in dieser Konzeption zweifach her: einerseits ermöglicht die Rahmenkonstruktion den direkten Blick auf das Laboratorium, andererseits verweist die Künstlerin in der Motivik des Barockrahmens auf die historischen Ursprünge Saarlouis’, welches unter Ludwig XIV. von dem Barock-Baumeister Sebastien le Prestre de Vauban geplant ist.

Der Blick auf die gesamte Ausstellung zeigt, wie vielschichtig die gedankliche Auseinandersetzung der einzelnen Künstler mit dem Ausstellungsort ist und zu welchen Ergebnissen diese kommen. Die Ausstellung ist bis Mitte April im Außenraum des Laboratoriums zu sehen und wird durch eine Künstlermappe ergänzt. Die Mappe wird als Ausstellungsdokumentation von den Studierenden unter der Leitung von Prof. Sigurd Rompza an der Hochschule der Bildenden Künste Saar erarbeitet und im Druckzentrum am Tummelplatz unter Mithilfe von Dirk Rausch gefertigt.


Sandra Kraemer