Institut für aktuelle Kunst

Relikt des Kreis-Kriegerdenkmals vor dem Verwaltungsgericht, Kaiser-Wilhelm-Straße 15. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Oranna Dimmig, 2007
Georg Renatus Meyer-Steglitz, Kreis-Kriegerdenkmal Saarlouis, 1900 in Lauchhammer gegossen, 1901 eingeweiht. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Sockel des Kreis-Kriegerdenkmals, Schlackengestein, Granit und Basalt, 1,85 x 3,73 x 3,73 m. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Oranna Dimmig, 2007
Schreiben von Meyer-Steglitz an den Magistrat zu Saarlouis, Steglitz, den 15. Juli 1901, letzte Seite (Stadtarchiv Saarlouis). Original im Stadtarchiv Saarlouis
Das Kreis-Kriegerdenkmal vor dem 1903 eingeweihten Gebäude der Höheren Töchterschule, Postkarte um 1910. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Zusammentreffen der Kaiser-Wilhelm-Straße und der Lothringer Straße. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Oranna Dimmig, 2007
Deutsche Grundkarte, Blatt Nr. 5462 und 5464. Landesamt für Kataster-, Vermessungs- und Kartenwesen Karte des Gouvernements Saarlouis, um 1730. Abbildung aus Hellwig 1980, S. 85
Karte des Gouvernements Saarlouis, um 1730. Abbildung aus Hellwig 1980, S. 85
Anonyme Handzeichnung von Saarlouis, um 1720. Abbildung aus Hellwig 1980, S. 81
Rayon-Übersichtsplan der Festung Saarlouis, 1887 (genordet). Abbildung aus Hellwig 1980, S. 105
Bebauungsplan für die Stadt Saarlouis von Joseph Stübben, 1895. Abbildung aus Hellwig 1980, S. 111
Der Sockel war ursprünglich höher, der untere Teil liegt heute unter der Aufschüttung verborgen. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Oranna Dimmig, 2007
Postkarte aus der Zeit der Einweihung des Kreis-Kriegedenkmals. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Die Figurengruppe mit dem verwundeten Infanteristen und dem zum Sturm auffordernden Fahnenträger. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Denkmal für die Gefallenen des Infanterie-Regiments Nr. 70 im 'Ehrental' in Saarbrücken. Im 'Ehrental' liegen die Gefallenen der Schlacht von Spichern 1870. Abbildung aus Kloevekorn 1934 (1976), S. 219
Für das Kreis-Kriegerdenkmal in Merzig wurde ebenfalls die Figur eines Fahnenträgers gewählt. Abbildung aus Abshoff (1904), S. 171
Wilhelm Wandschneider, Denkmal für das Infanterieregiment Nr. 30 in Saarlouis, 1910 zum 40-jährigen Gedenken an den Deutsch-Französischen Krieg eingeweiht. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Christine Kellermann, 1995
Ansicht des Kreis-Kriegerdenkmals vor Errichtung der Höheren Töchterschule, Postkarte um 1901. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
"Saarlouis. Höhere Töchterschule mit Kriegerdenkmal", kolorierte Postkarte um 1905. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
"Saarlouis. Kriegerdenkmal u. Lyceum", neben dem Denkmal wurden Geschütze aus dem Krieg 1870/71 aufgestellt, Postkarte um 1928. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
"Saarlautern 1. Kriegerdenkmal", Schmuckgitter und Geschütze sind entfernt, Postkarte um 1938. Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Jean Lambert-Rucki, Marschall-Ney-Denkmal auf der Vauban-Insel, Saarlouis, eingeweiht am 18./19. Mai 1946. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Gerhard Westrich
Sockel des Kreis-Kriegerdenkmals nach Entfernung der Figurengruppe im Mai 1946. Detail aus einer Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Inschriftentafel des Kreis-Kriegerdenkmals, 1901. Detail aus einer Postkarte im Stadtarchiv Saarlouis
Inschriftentafel des Kreis-Kriegerdenkmals, 1956. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Oranna Dimmig, 2007
Denkmalsrelikt und Verwaltungsgericht im Jahre 1995. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Christine Kellermann, 1995
Denkmalsrelikt und Verwaltungsgericht im Jahre 1995. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Christine Kellermann, 1995
Die Ansicht des renovierten Gebäudes des Verwaltungsgerichts und des freigelegten Sockels des Kreis-Kriegerdenkmals wird durch eine Stadtmöblierung gestört. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Oranna Dimmig, 2007

Saarlouis, Meyer-Steglitz, Kreis-Kriegerdenkmal

Georg Renatus Meyer-Steglitz
Kreis-Kriegerdenkmal, 1901
Sockel: Schlackengestein, Granit und Basalt, 1,85 x 3,73 x 3,73 m
Saarlouis, Grünfläche vor dem Verwaltungsgericht, Kaiser-Wilhelm-Straße 15

Das Relikt des Kreis-Kriegerdenkmals von Georg Renatus Meyer-Steglitz in Saarlouis


Auf der Grünfläche zwischen dem Verwaltungsgericht Kaiser-Wilhelm-Straße 15 und dem Kreisverkehr Metzer Straße steht ein Denkmalsrelikt, das Saarlouiser Stadtgeschichte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert exemplarisch spiegelt – der verwaiste Sockel des Kreis-Kriegerdenkmals Saarlouis. Geschaffen von dem Berliner Bildhauer Georg Renatus Meyer-Steglitz, erinnert das 1901 eingeweihte Denkmal an die auf deutscher Seite gefallenen Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges 1870-1871. Die bronzene Figurengruppe eines tödlich getroffenen Infanteristen und eines vorwärts stürmenden Fahnenträgers wurde 1946 im ­Zusammenhang mit der Beseitigung von Denkmälern nationalsozialistischen, preußischen und militärischen Inhaltes auf Veranlassung der französischen Militärregierung des Saarlandes abgeräumt. Der übrig gebliebene, 1956 instand gesetzte Sockel geriet im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte allmählich aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, bis er schließlich – von Gebüsch umwuchert – tatsächlich ­optisch aus dem Stadtbild verschwunden war. Im Zuge der Renovierung des Verwaltungsgerichtes und der Herrichtung der davor liegenden Grünfläche wurde der Sockel 2001 freigelegt. Seither ist seine ursprüngliche städtebauliche Bedeutung wieder wahrnehmbar. Folgerichtig geriet das Kreis-Kriegerdenkmal bei den Vorbereitungen zur angestrebten ästhetischen Hebung der Situation am Verkehrskreisel an der Metzer Straße in den Fokus der Planungen.

Der Sockel ist auf der Denkmalliste des Saarlandes nicht verzeichnet. Sein kulturhistorischer Wert steht indessen ebenso außer Frage wie seine ursprüngliche ­Bedeutung als Merkzeichen im öffentlichen Raum und seine Funktion als städtebaulicher Akzent an einer der wichtigsten Eingangssituationen in die Kernstadt Saarlouis.

Eine Einzeluntersuchung zu dem Kreis-Kriegerdenkmal fehlt bisher. Die vorliegende Studie rekonstruiert und analysiert das Denkmal aus kunsthistorischer Sicht, ­beschreibt den aktuellen Zustand seines Umfeldes und leitet aus den gewonnen ­Erkenntnissen Empfehlungen ab für den künftigen Umgang mit dem Relikt des Kreis-Kriegerdenkmals und seiner Umgebung.

Quellenlage, Forschungsstand, Arbeitsmethode

Die Recherche in den Archiven des Landkreises Saarlouis und der Stadt Saarlouis förderte ungedruckte Quellen zu Tage, durch deren Auswertung sich die ­wichtig­sten Daten zur Entstehung und zur Entwicklung des Kreis-Kriegerdenkmals ermitteln ließen. Daher konnte auf die Suche nach Quellen an anderen Orten, ins­­besondere im Landesarchiv Saarbrücken und in französischen Archiven, in denen weiteres Aktenmaterial zur Entfernung der Figuren-Gruppe vermutet wird, verzichtet werden. Zur Entstehungsgeschichte des Denkmals steht im Stadtarchiv Saarlouis der Briefwechsel zur Verfügung, den der Bürgermeister von Saarlouis mit dem Landrat geführt hat. Dieser Akte kommt insofern besondere Bedeutung zu, als entsprechende Schriftstücke des Landrates, der als Bauherr des Denkmals auftrat, im Kreisarchiv nicht gefunden werden konnten. Zur Entwicklungsgeschichte des Kreis-Kriegerdenkmals existieren in beiden Archiven Unterlagen, die Aufschlüsse über Veränderungen an dem Objekt geben. Hier sind für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nochmals die Akten des Saarlouiser Bürgermeisters zu nennen, in denen Reparaturen an der Figurengruppe und Verbesserungen im unmittelbaren Umfeld dokumentiert sind. Der Umgang mit dem Denkmal während der Periode der französischen Militärregierung nach dem Zweiten Weltkrieg geht aus Schriftstücken im Kreisarchiv hervor, die Zeit danach kann wiederum anhand von Material im Stadtarchiv belegt werden. Eine wichtige gedruckte Quelle zum Kreis-Kriegerdenkmal ist die Zusammenstellung der »Hervorragendsten vaterländischen Denkmäler in Wort und Bild«, die Fritz Abshoff 1904 vorgelegt hat. In dieser Publikation lassen sich der ideologische Kontext und die künstlerischen Vorlieben der Denkmalsetzungen im Deutschen Reich unter der Regierung Kaiser Wilhelm II. erkennen. Hinzu kommen zahlreiche historische Aufnahmen, in der Mehrzahl ­Ansichts­­karten. Sie überliefern anschaulich die Veränderungen, die in den 106 Jahren seit der Einweihung an dem Kreis-Kriegerdenkmal und seinem Umfeld eingetreten sind. Die bildlichen Darstellungen ergänzen die schriftliche Überlieferung und ­ersetzen sie an den Stellen, an denen Textquellen fehlen oder nicht ermittelt ­wurden.

Bei der Auswertung der regionalgeschichtlichen Literatur zeigte sich, dass das Kreis-Kriegerdenkmal bisher noch nicht zum Gegenstand einer umfassenden Forschung geworden ist. Das Denkmal – bzw. der übrig gebliebene Sockel – findet in vielen Veröffentlichungen Erwähnung, allerdings ist die Anzahl der Informationen, die vor dem Leser ausgebreitet werden, relativ gering. Der Informationsgehalt geht in der Regel nicht über die knappen Daten zu den Initiatoren, zum Standort, zur Einweihung und zur Entfernung der Figurengruppe hinaus. In manchen Publikationen wird zusätzlich auch der Wortlaut der Inschrift wiedergegeben. Der Name der Bildhauers ist der regionalgeschichtlichen Literatur unbekannt. Ebenso fehlt die Kontextualisierung des Denkmals, die zu seinem Verständnis unerlässlich ist. Dagegen ist die Forschungslage zu deutschen Kriegerdenkmälern im Allgemeinen als gut einzuschätzen. Mit dem mehrbändigen Werk »Kriegerdenkmäler in Deutschland« von Meinhold Lurz liegt eine fundierte Übersicht zur Geschichte der Kriegerdenkmäler in Deutschland vor. Für die typologische Bestimmung des Kreis-­Kriegerdenkmals ist der Band über die Denkmäler der Einigungskriege maßgeblich. Annette Maaß, deren Forschungsschwerpunkt auf den Kriegerdenkmälern in Elsass-Lothringen liegt, publizierte 1995 eine spezielle Untersuchung über »den Kult der toten Krieger« nach 1870/71 in Deutschland und Frankreich. Für den Umgang mit Kriegerdenkmälern in den Jahren nach 1945 konnte auf die 1998 erschienene ausführliche Darstellung von Arnim Flender über die öffentliche Erinnerungskultur im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgegriffen werden. Diese Arbeit bietet eine Darstellung der historischen Zusammenhänge, die für das Verständnis der Entwicklung des Kreis-Kriegerdenkmals während der französischen Militärregierung (1945-1947), der Regierung von Johannes Hoffmann (1947-1955) und der Übergangszeit bis zur Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik Deutschland (1957) unerlässlich ist. Über den Bildhauer des Kreis-Kriegerdenkmals, Georg Renatus Meyer-Steglitz (1868-1929), fehlt bisher eine Gesamtdarstellung. Verstreut publizierte kleine ­(Lexikon-)Artikel und kurze Erwähnungen in größeren Darstellungen ließen es ­jedoch zu, wenigstens die wichtigsten Angaben zu Leben und Werk des Bildhauers zusammenzustellen. Diese Daten sind im Anhang an die vorliegende Studie zum Relikt des Kreis-Kriegerdenkmals zusammengestellt. Für die künstlerische Einordnung Meyer-Steglitz’ und des Kreis-Kriegerdenkmals Saarlouis in die späte Berliner Bildhauerschule liegen zwei umfangreiche Publikationen vor, die unter der Federführung des damaligen Direktors der Skulpturen-Galerie der Staatlichen Museen Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Peter Bloch, entstanden sind.

Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung waren die Inaugenscheinnahme und die Beschreibung des Denkmalsockels und seiner städtebaulichen ­Situation. In einem weiteren Schritt wurde das zusammengetragene Material (Schriftverkehr, Rechnungen, historische Ansichten, historische und aktuelle Stadtansichten, Luftbilder, Karten und Pläne) sowie die Fachliteratur ausgewertet, analysiert und beurteilt. Auf dieser Basis konnten die wichtigsten kunsthistorischen Fragen geklärt und das Relikt des Kreis-Kriegerdenkmals Saarlouis in seinem kulturhistorischen Zusammenhang dargestellt werden.


Das Kreis-Kriegerdenkmal: Standort

Der Sockel des Kreis-Kriegerdenkmals steht unverrückt an seinem ursprünglichen Standort in einer Grünanlage zwischen Kaiser-Wilhelm-Straße und Lothringer Straße. Für die charakteristische Dreiecksform der kleinen Freifläche ist der Verlauf der beiden Straßen bestimmend, die im spitzen Winkel aufeinander treffen. Die Basis des Dreiecks liegt im Norden und wird durch die Grenze des anrainenden Grundstücks des heutigen Verwaltungsgerichtes definiert. ›Extra muros‹ – also ­außerhalb der von den Wällen umgebenen Kernstadt – gelegen, befindet sich das Denkmal im Bereich der ehemaligen, nach 1887/89 niedergelegten Außenwerke. Freifläche, Denkmal und das Gebäude des heutigen Verwaltungsgerichtes sind ­erkennbar darauf konzipiert, eine besondere städtebauliche Situation zu akzentuieren. Zum Verständnis dieser bemerkenswerten Lage ist eine kurze Darstellung der Entwicklung der Festungsstadt Saarlouis unerlässlich.

Die Festung Saarlouis wurde 1680 auf Anordnung des französischen Königs ­Ludwig XIV. gegründet. Sie war Teil eines Systems von Bollwerken, das die Ostgrenze des besetzten Lothringens schützen sollte. Geplant im Zusammenspiel des Festungsbaumeisters Sébastien le Prêtre de Vauban (1633-1707) mit dem Festungsingenieur Thomas de Choisy (1632-1710), errichteten Bausoldaten eine als regelmäßiges Sechseck mit Hornwerk angelegte Befestigung. Sie zeichnete sich durch ihren streng geometrisch entwickelten Grundriss aus und gilt geradezu als Musterbeispiel des damaligen Festungsbaus, der sich hier »als eine der Geometrie verwandten Form angewandter Mathematik« präsentierte. Sinn dieser regulären Anlagen war, der gleichfalls mathematisch orientierten Belagerungstechnik gewachsen zu sein.

Die Schwerpunkte und gleichzeitig die sechs Ecken der Hauptbefestigungsmauer (Kurtine), die das Sechseck begrenzte, bildeten die Bastionen. »Zwischen den vorspringenden Bastionen waren zum seitlichen Schutz der Bastionen Zangenwerke (›Tenailles‹) angelegt, deren wassergefüllte Gräben mit dem Hauptgraben in Verbindung standen. Dem 36 m breiten Hauptgraben waren zwischen den einzelnen Bastionen die ›Ravelins‹, Halbmondwerke, vorgelagert, fünf an der Zahl; auf der Saarseite entfiel ein solches Halbmondwerk, da hier das ungleich größere und stärkere Hornwerk lag. Auch die Halbmondwerke waren auf der Außenseite nochmals von einem Wassergraben (Ravelingraben) in der Breite von 24 m ­gedeckt. Davor lag der Kranz von Schanzen (Erdwälle), mit neun Sternspitzen, in denen mit der Zeit als Verstärkungen Außenwerke (Redouten) angelegt wurden. Am Fuß der Schanzen lag der Vorgraben mit 32 m Breite. Hinzu kam ein kompliziertes System von gedeckten Wegen, Grabenbrücken und vier Ausfalltoren (sogenannten Poternen), sodass man schon bei den Zeitgenossen von den Irrwegen (Labyrinthen) der Außenwerke sprach.«

Die Stadt entstand innerhalb der Hauptbefestigungsmauer. Ein rechtwinkliges Straßenraster unterteilt sie in Karrees. Jedoch wird das scheinbar starre geometrische Schema des Stadtgrundrisses im Zentrum und in der Nähe der Umwallung modifiziert bzw. aufgehoben. Der urbane Mittelpunkt war und ist der Große Markt (Paradeplatz), der von der Hauptachse, der Französischen Straße und der Deutschen Straße – der Verbindung zwischen Französischem Tor und Deutschem Tor –, durchquert wird. In unmittelbare Nähe zum Hauptwall und parallel zu ihm ausgerichtet wurden Kasernen errichtet.

1815 kam Saarlouis an Preußen und wurde der geänderten Grenzsituation und Kriegstechnik entsprechend verändert. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 hatte für die Entwicklung der Stadt weitreichende Folgen: Durch die Annektierung von Elsass-Lothringen verlief die Staatsgrenze nunmehr westlich von Metz und nahm der Festungsstadt an der Saar ihre Bedeutung als Grenzsicherung. 1877 gab das Kriegsministerium die Festung auf: Nun konnte die Stadt über die Befestigungsanlagen hinauswachsen. Im Laufe der 1890er Jahre wurden die meisten Festungswerke durch Abtragung der Wälle und Zuschüttung der Gräben eingeebnet und in Bauland verwandelt. Allerdings blieben die nordwestlichen und nordöstlichen Flächen zunächst militärischen Zwecken vorbehalten. Das neue Stadtviertel entstand daher im Südwesten und Südosten. Planungsgrundlage war der 1895 gezeichnete ›Bebauungsplan für die Stadt Saarlouis‹ des Kölner Baurats ­Hermann Joseph Stübben (1845-1936). Stübbens Planung wurde jedoch nie ­offiziell in Kraft gesetzt, sie diente vielmehr als Arbeitshilfe bei Einzelentscheidungen und wurde nur in Teilen realisiert. Rückgrad der neuen Quartiere bildete eine über dem zugeschütteten Hauptgraben angelegte Ringstraße, die seinen sternförmigen Verlauf übernahm. Eine weitere, äußere Ringstraße nahm streckenweise ­einen am Fuß des ehemaligen Vorglacis’ bereits vorhandenen Weg auf.

Die Anbindung der Stadterweiterung an die barocke Kernstadt geschah, indem man geeignete Straßen der Innenstadt verlängerte und mit neu angelegten Straßen verband bzw. sie über neue Straßen mit den älteren Wegen in den Außenbereichen verknüpfte. So führt die Kaiser-Wilhlem-Straße die vom Großen Markt kommende Silberherzstraße zu einem alten Weg, der in historischen Karten als »Chaussée ...«, »Chemin de Metz«, auch »Poststraße von Metz«, ausgewiesen ist. So auch die Lothringer Straße, die von der Gefängnisstraße bzw. von dem Bereich beim Französischen Tor (heute Kleiner Markt) auf die alte Straße nach Metz fluchtet. Bei der Absteckung dieser beiden neuen Straßen spielte auch die ungewöhnlich lange Kaserne Nr. VI eine Rolle, die den direkten Durchstoß Sonnenstraße – Poterne – Metzer Straße verhinderte.

Wo Kaiser-Wilhelm-Straße und Lothringer Straße in die althergebrachte Metzer Straße münden, treffen weitere ältere Wege aufeinander: die querende Wallerfanger Straße, die im Bogen ursprünglich um den Glacis-Fuß führte, sowie eine der nach Süden führenden Gartenreihen. Stübben entwarf diesen wichtigen Knotenpunkt als »Lothringer Platz« und akzentuierte ihn durch eine gärtnerische Anlage. Jedoch kam Stübbens Plan hier nicht in dieser Weise zur Ausführung – so wie auch der zwischen Kaiser-Wilhelm- und Lothringer Straße eingezeichnete große Sakralbau nicht realisiert wurde.

In der Spitze des von Kaiser-Wilhelm- und Lothringer Straße gebildeten Dreiecks entstand stattdessen ein Ensemble, das aus der kleinen Gartenanlage mit dem Kreis-Kriegerdenkmal und dem nördlich davon gelegenen repräsentativen Gebäude der ehemaligen Höheren Töchterschule (heute Verwaltungsgericht) bis heute besteht – eine Übersetzung des Stübben-Plans in eine kleinere, dabei gleichwohl überzeugende Lösung.


Entstehung

Als Auftraggeber für das Kreis-Kriegerdenkmal werden die Kriegervereine der damaligen 78 Gemeinden des Landkreises Saarlouis genannt. Trotz der bruchstückhaften Überlieferung lässt sich erkennen, dass zur Erlangung des Denkmalentwurfes ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, den der Berliner Bildhauer Georg Renatus Meyer-Steglitz für sich entscheiden konnte. Die Bronzegruppe wurde 1900 in der Gießerei Lauchhammer gegossen, deren Kunstgussabteilung auch auf die Herstellung von Großplastiken eingerichtet war. Die Kosten für das gesamte Denkmal betrugen 16.000 Mark.


Ursprünglicher Zustand

Das ursprüngliche Aussehen des Kreis-Kriegerdenkmal ist durch Fotos gut ­dokumentiert. Ein Vergleich mit dem heutigen Zustand des Sockels zeigt, dass ­neben der gravierenden Veränderung, die das Fehlen der bekrönenden Figurengruppe bedeutet, weitere Abweichungen vom originalen Zustand eingetreten sind.

Über quadratischem Grundriss errichtet, bildet(e) ein sich dreizonig verjüngender Unterbau den Sockel für die beherrschende, überlebensgroße Figurengruppe. Die dunkle untere Zone ist als Sockelgeschoss zu begreifen. Sie ist mit unregelmäßigen, groben Gesteinsbrocken (Schlackengestein) verkleidet. Auf den historischen Abbildungen erscheint diese Zone höher als heute; ihr unterer Teil dürfte unter dem angeschütteten Bodenniveau liegen. Drei flache Stufen aus hellem Granit bilden die mittlere Zone. In der oberen Stufe sind an allen vier Seiten mittige, abgeschrägte Vertiefungen eingelassen, die zur Ablage von Kränzen und Blumen dienen. Um diese Borde bequem erreichen zu können, waren der Sockelzone ursprünglich sieben schmale Stufen vorgelagert. Die gestufte Mittelzone leitet über zu dem eigentlichen Postament aus dunklem, grau-grünen Basalt. Mit seiner eigenen Grundplatte, gedrungenen Ecksäulen und giebelartig erhöhten Architraven erinnert es in weiterem Sinne an antike Architektur. An allen vier Seiten sind Tafeln aus schwarzem, polierten Granit eingelassen, von denen diejenige an der Hauptseite die Inschrift trägt. Die ursprüngliche Tafel wurde 1946 entfernt, sie unterschied sich von der 1956 montierten Ersatztafel in Schriftbild, Aufteilung und dem Fehlen jedes schmückenden Beiwerkes.

VERGISS SIE NICHT
O VATERLAND
DIE MACHT UND GRÖSSE
DIR ERWORBEN
UND DIE DAS SCHWERT
IN TAPFRER HAND
FÜR DICH ALS HELDEN
SIND GESTORBEN

Im darüberliegenden Dreieckgiebel erscheint auf der polierten Oberfläche des dunklen Basalt in einem hell gefassten Kreis das Symbol des Eisernen Kreuzes.

Die Figurengruppe war auf einer eigenen hohen Steinbasis montiert, die wahrscheinlich beim Abbau 1946 ebenfalls entfernt wurde. Dargestellt waren zwei ­Soldaten im Gefecht: Ein getroffener und in die Knie gebrochener junger Infanterist greift sich mit seiner Rechten an die Stirnwunde, während seine Linke den Lauf des Gewehres hält, das auf seinem Oberschenkel liegt. Dahinter erhebt sich ein ­älterer Soldat mit geschulterter Fahne und erhobenem Bajonett. Die Fahne ist vom Kampfesgeschehen bereits zerfetzt, die gereckte Stichwaffe fordert zu erneutem ­Angriff auf. Der Fahnenträger hat sein linkes Bein auf ein zerbrochenes Geschützrohr gesetzt, während er mit dem Oberschenkel seines rechten, auf der Steinbasis knienden Beines den Sterbenden abstützt. Verstreut liegende Trümmer und Ausrüstungsteile ergänzen die Darstellung kriegerisch-dramatischen Geschehens.

Der Sockel ist innen hohl. Es dürfte sich darin die Konstruktion zur Verankerung der überlebensgroßen, tonnenschweren Gruppe befunden haben.

Bis in die 1930er Jahre hinein stand das Denkmal in einer quadratischen kleinen Planzanlage, die von einem eisernen Schmuckgitter umfriedet war. Das Denkmal und die 1903 eingeweihte Höhere Töchterschule waren aufeinander bezogen. Zu nennen ist die farbliche Abstimmung: das dunkelgrüne Postament und die allmählich grünspanig patinierende Bronzegruppe dürften eindrucksvoll mit dem leuchtenden Backsteinrot der Gebäudefassade kontrastiert haben. Zu nennen ist auch der ursprüngliche große Schmuckgiebel des Lyceums mit seinen geschweiften Renaissance-Formen, der dem Denkmal als Rahmen diente. Zu nennen ist schließlich die bühnenartige Anordnung von V-förmiger Freifläche, Denkmal und der als Hintergrundkulisse eingesetzten Gebäudefassade. Diese Inszenierung ist auf die aus Richtung Frankreich kommende Metzer Straße ausgerichtet und hat neben der optischen Wirkung sicher auch einen ideologischen Subtext enthalten.


Typologische Einordnung


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgekommen, entstanden Kriegerdenkmäler in Preußen vor allem nach dem Deutsch-Französischen Krieg und unter der Regierung Kaiser Wilhelm II. (Regierungszeit 1888-1918). Zwischen Denkmal und Grabmal angesiedelt, bilden sie eine Sondererscheinung in der Bildhauerkunst. Wird im Grabmal des Todes zahlreicher junger Männer gedacht und zumeist ihre Namen aufgeführt, so wird im Denkmal der Sinn ihres Todes gefeiert – im vorliegenden Falle des Sieges über Frankreich, der zur Gründung des Deutschen Reiches führte. Dieses gedoppelte Ereignis konnte zur Kombination von Kriegerdenkmälern mit Kaiser-Wilhelm I.-Denkmälern führen. »Aber auch bei den ›reinen‹ Kriegerdenkmälern führen die verschiedenen Sinnbezüge von Tod, Sieg und Reichsgründung zu unterschiedlichen Akzentuierungen. Selten ist die Beschränkung auf das Sterben oder den Sterbenden selbst. Fast immer wird diesem eine heroisierende Assistenzfigur beigestellt. Zuweilen ist es ein Fahnenträger, der den von der Kugel Getroffenen begleitet und siegreich weiterstürmt.« (Bloch/Grzimek 1994, Sp. 212)

Beim Kreis-Kriegerdenkmal wird den Toten nicht nur in der Figur des Sterbenden gedacht; ihrem Gedächtnis ist die Inschrift gewidmet und ihrer Ehrung das Eiserne Kreuz, das den Gefallenen posthum verliehen wurde. Die Kombination der Figuren, des Stürmenden und des Verwundeten, zeigt jedoch auch den Kampfesmut sowie den Durchhaltewillen der Überlebenden, »dass der Kampf trotz Verlusten weiterging und die Toten gerächt wurden«. (Lurz 1985, S, 198)

In Saarlouis, der preußischen Militärstadt französischer Gründung, kommt den Kriegerdenkmälern insgesamt vermehrte, denen des Deutsch-Französischen Krieges besondere Bedeutung zu. Am Kreis-Kriegerdenkmal lässt sich dies durch seine – sicher auch in provokanter Absicht gegenüber dem Gegner Frankreich ausgesuchten – Lage an der wichtigsten Verbindungsstraße nach Frankreich ablesen.

Die Denkmalsetzung im Jahr 1901 ist eine späte Erinnerung an den Krieg 1870/71, den letzten der drei Einigungskriege. Kriegerdenkmäler dienten nach den Einigungskriegen auch »dem Erhalt der bestehenden Gesellschaft. Diese begriff sich retrospektiv als Vollendung des Traums vom einigen Reich und konservativ als Erhalt der Gegenwart.«  »Mit dem sozialen Ansehen des Militärs hing die so­ziale Rolle der Kriegerdenkmäler zusammen. Der Krieg wurde als Mittel zum Schutz des bestehenden Systems verherrlicht. (...) Man lenkte von den akuten innenpolitischen Problemen ab, indem man in Kriegerdenkmälern auf den außenpolitischen Gegner und die anhaltende Gefahr verwies.« (Lurz 1985; S. 496, 497)

Typologisch gehört die Figurengruppe des Saarlouiser Kreis-Kriegerdenkmal zu einer großen Gruppe von Kriegerdenkmälern, deren Beginn sich mit dem Denkmal des Deutschen Reichskriegerverbandes auf dem Garnisonsfriedhof Berlin-Neukölln bestimmen lässt. Das 1888 eingeweihte Denkmal geht auf einen Entwurf des Berliner Bildhauers Johannes Boese (1856-1917) zurück, dem Lehrer von Georg Meyer-Steglitz. Ordnet sich die Figur eines Fahnenträgers bei diesem überregional bedeutenden Denkmal noch dem Architektonischen (Sarkophag) und dem Symbolischen (Obelisk und Adler) unter, so wurde doch erstmals ein Funktionsträger als Stellvertreter der gesamten Soldatenschaft zur Denkmalfigur gewählt. In der Nachfolge des Reichskriegerverbanddenkmals wurden Soldatenfiguren einzeln oder in Gruppen zur Hauptfigur erhoben. Fahnenträger, die durch ihre Funktion als eigentlich unbewaffnete Signalgeber besonders gefährdet sind und daher als Inbegriff von Tapferkeit und Todesverachtung gelten, gehören zu den favorisierten Darstellungen. Als ehemalige Beispiele aus der Umgebung von Saarlouis sind das Kriegerdenkmal in Merzig und das Denkmal für die Gefallenen des Infanterie-­Regiments Nr. 70 im »Ehrental« in Saarbrücken, der Ruhestätte für Gefallene der Schlacht von Spichern 1870, zu nennen.

Stilistisch wurde auf eine möglichst genaue, naturalistische Darstellung der Soldaten, ihrer Uniformen und der Ausrüstung Wert gelegt. Diese Art des Kriegerdenkmals blieb im Unterschied zu den zeitgenössischen, modernen Tendenzen in der freien Plastik einem konservativen Naturalismus verhaftet.

Zum 40jährigen Gedenken an den Krieg 1870/71 wurde in Saarlouis ein weiteres Denkmal errichtet: das Ehrenmal für das Infanterieregiment Nr. 30 Graf Werder. Ebenfalls in Lauchhammer gegossen, brach die Bronzefigur eines trauernden Soldaten stilistisch und inhaltlich mit dem Vorangegangenen. Der ebenfalls aus der Berliner Bildhauerschule kommende Wilhelm Wandschneider (1866-1942) hatte einen knienden Soldaten in klassischer Nacktheit entworfen, der mit gesenktem Haupt der Toten gedenkt. Die beigegebenen Attribute Tierfell, Schwert und Lorbeerkranz weisen ihn als starken, tapferen und unbesiegten Krieger aus, ohne ihn einer bestimmten Nation, Waffengattung oder Funktionsträgerschaft zuzuordnen. Das »Dreißiger-Denkmal« ging in seiner Allgemeingültigkeit und der Betonung des Aspekts der Trauer weit über das Kreis-Kriegerdenkmal hinaus. So verwundert es nicht, dass jenes den Bildersturm nach dem Zweiten Weltkrieg überdauerte, dieses jedoch nicht.


Veränderungen

Erste kleinere Veränderungen an dem Denkmal und seinem unmittelbaren Umfeld sind in den Akten im Stadtarchiv dokumentiert. Bereits einige Jahre nach der Enthüllung fielen die ersten Reparaturen an. Als Schwachpunkt erwies sich die bronzene Fahne, die »bei geringem Windzuge stets einen krächzenden Lärm verursacht.« Eine erste Wiederherstellungsmaßnahme musste 1907 durchgeführt werden. Nach einem Sturmschaden 1913 wurde die Fahne demontiert und bis zur Neumontage vorübergehend im Keller der Töchterschule eingelagert.

Um die Bepflanzung bei dem Denkmal leichter gießen zu können, ließ die Stadt 1903 einen Wasseranschluss legen. Aus dem Jahre 1907 ist überliefert, dass die Einfassungsbänder der Grünanlage reparaturbedürftig waren. Ihre Erneuerung wurde bei Kosten für 16,00 Mark pro Meter auf die Summe von 2224,00 Mark veranschlagt. Auch das Umfriedungsgitter des Denkmals musste gelegentlich gewartet werden, 1926 erhielt es einen Neuanstrich.

Nach dem Ersten Weltkrieg erfuhr die Anlage des Kreis-Kriegerdenkmals eine vorübergehende Veränderung. Zu einem nicht genau zu bestimmenden Zeitpunkt wurden innerhalb des Umfriedungsgitters zwei Kanonen aufgestellt, die jedoch im Laufe der 1930er Jahre wieder von diesem Standort entfernt wurden. Die Geschütze stammen aus dem Deutsch-Französischen Krieg. Es handelt sich um jene Geschütze, die später, Anfang der 1970er Jahre, beim Deutschen Tor aufgestellt wurden. Das Umfriedungsgitter scheint im Laufe der 1930er Jahre entfernt worden zu sein.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass das Kreis-Kriegerdenkmal Saarlouis in der Zeit von seiner Einweihung 1901 bis zu der Zäsur, die der Zweite Weltkrieg bedeutet, keine nennenswerten Veränderungen erfahren hat.

Im Saarland allgemein setzte der Verlust von Denkmälern bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ein. Zum einen sprengte die Wehrmacht aus strategischen Gründen markante Bauwerke, um freies Schussfeld zu gewinnen, bzw. dem Gegner im Westen keine Fixpunkte für seine Artillerie zu geben. Zum anderen wurden auf Anordnung des Gauleiters Joseph Bürckel zahlreiche Denkmäler abgerissen und im Zuge von Metallsammelaktionen eingeschmolzen. Durch direkte Kampfhandlungen dezimierte sich im nachfolgenden Kriegsverlauf der Bestand an Erinnerungsmalen weiter, sodass am Ende des Zweiten Weltkrieges ein »nicht unerheblicher Teil der Denkmäler im Saarland bereits zerstört oder stark beschädigt« war.

Nach der bedingungslosen Kapitulation des besiegten und in Trümmern liegenden Deutschen Reiches verfügte der Alliierte Kontrollrat in einer Anweisung vom 13. Mai 1946, dass Denkmäler mit militärischem oder nationalsozialistischem Charakter zu entfernen seien. Diese Anordnung kam auch im Saarland zur Anwendung.

Das Kreis-Kriegerdenkmal Saarlouis hatte den Krieg offenbar weitgehend unbeschadet überstanden. Auf einer Liste zur Erfassung der Denkmäler und historischen Gebäude der Stadt Saarlouis wird es im April 1946 als »gut erhalten« und in der französischen Übersetzung als »en bon état« ausgewiesen. Jedoch hat man – dem Bericht des Zeitzeugen Lothar Fontaine zufolge – das Denkmal in der Nachkriegszeit durch Teeren und Federn geschändet. Diese aus dem Mittelalter stammende Folter erklärt das Opfer symbolhaft für vogelfrei. So gesehen wurde durch die gewählte Art der Schändung die Entfernung der beiden bronzenen Soldaten symbolhaft vorbereitet. Im Mai 1946 wurde das Kreis-Kriegerdenkmal »abgebaut bis auf den Sockel«. Dabei hat man offenbar nicht nur die Figurengruppe demontiert, sondern auch die in den Sockel eingelassene Tafel mit der Inschrift entfernt. Über den Verbleib von Tafel und Figuren ist nichts bekannt; die hochwertige Bronze wurde vermutlich eingeschmolzen und anderweitig verwendet.

Arnim Flender hat auf den besonderen Stellenwert hingewiesen, den die Beseitigung von Ehrenmalen in Saarlouis unter der französischen Militärverwaltung hatte. »Die Stadt Saarlouis bot sich unter den veränderten Bedingungen der ­Nach­kriegszeit als ein Erinnerungsort regelrecht an: Einerseits handelte es sich um eine Stadtgründung, die auf einen französischen König zurückging, und andererseits war Saarlouis auch der Geburtsort von Michael Ney, der als einer der großen Militärführer der Napoleonischen Armee in die Geschichtsschreibung eingegangen ist.« (Flender 1998, S. 145) Die »bewußte Wiederendeckung der französischen Wurzeln der Stadt« fand einen Höhepunkt in den von der französischen Militärregierung initiierten ›französischen Festtagen‹, die am 18. und 19. Mai 1946 mit großem Aufwand in Saarlouis begangen wurden und in deren Verlauf auch das neu geschaffene Denkmal des Marschall Ney von Jean Lambert-Rucki (1888-1967) auf der Vauban-Insel feierlich enthüllt wurde. »Unter dieser Perspektive waren die militärischen Erinnerungsorte in Form der Denkmäler wie z. B. für das »Rhein. Art. Reg. Nr. 8 von Holtzendorff (...) oder für die entsprechenden Jäger- und Infanterieregimenter fehl am Platz und mussten in der Logik eines neu zu schaffenden Gedächtnisses beseitigt werden.«(Flender 1998, S. 146)

Die für den Mai 1946 verbürgte Demontage der Figurengruppe des Kreis-Kriegerdenkmals fällt zeitlich sowohl mit der Anordnung des Alliierten Kontrollrates vom 13. Mai als auch mit den Vorbereitungen für die ›Französischen Tage‹ und die Enthüllung des neuen Marschall-Ney-Denkmals am 18./19. Mai zusammen.

Offenbar war die Abräumung der Saarlouiser Denkmäler so gründlich erfolgt, dass das Kreisbauamt Saarlouis am 27. Januar 1947 als Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Militärregierung in Saarlouis mitteilen konnte:
»Im Kreise Saarlouis befinden sich keine Erinnerungsdenkmäler der verschiedenen Regimenter und den Anschluss der Saar an das Reich, lediglich nachfolgend aufgeführte Sockel von Denkmälern sind noch vorhanden u. werden in den nächsten Tagen entfernt: 1. Sockel z. Kriegerdenkmal am Lyceum, Saarlouis. 2. Sockel z. Artilleriedenkmal am Ludwigspark, Saarlouis. 3. Sockel z. 30-er Denkmal im Stadtpark, Saarlouis«

Entgegen der Ankündigung wurden die genannten Sockel jedoch nicht abgetragen. Sie blieben unverändert in der nachfolgenden Ära der Regierung Hoffmann stehen, die kein Interesse an der Wiederherstellung oder Neusetzung von Kriegerdenkmälern zeigte und dies allenfalls örtlichen Initiativen überließ. Erst der politische Wechsel nach der Volksabstimmung 1955 und dem anschließenden Rücktritt des Kabinetts Hoffmann führte zu einer geänderten Haltung der Landesregierung in dieser Frage. In einem ersten Schritt wurde landesweit der Bestand an beschädigten oder zerstörten Denkmalen erfasst. Die Bestandsaufnahme vom 4. April 1956 weist 124 zerstörte Denkmale im Saarland aus. Viele von ihnen wurden in den kommenden Jahren dank großzügiger Unterstützungsmaßnahmen seitens der Landesregierung wiederhergestellt. Für Saarlouis sei hier beispielhaft die Instandsetzung des Kriegerdenkmals 1914-1918 für das Feldartillerie Regiment von Holtzendorff genannt, für dessen neuen Bronzelöwen allein 2,3 Millionen Francs veranschlagt waren.

Der Zustand des Kreis-Kriegerdenkmals nach der Demontage der Figurengruppe ist auf einer Ansichtskarte aus jener Zeit überliefert. Deutlich ist am Sockel die Stelle der herausgenommenen Inschriftentafel zu erkennen. Dunkle Verschmutzungsflecke, die sich besonders an den Stufen herunterziehen, dürften von der Schändung des Denkmals durch Teer herrühren.
 
Der Sockel des Kreis-Kriegerdenkmals wurde im Sommer 1956 durch den Bildhauer Nicolaus Simon (1898-1970) im Auftrag der Stadt instandgesetzt. Simons Arbeiten begannen mit der Säuberung des Sockels und dem Entfernen von Teer – hierdurch wird die Zeitzeugenaussage über das Teeren und Federn gestützt. Anschließend nahm er die Trittstufen und eine Säulenstütze ab und fertigte eine neuen ­Schrift­platte. Schließlich setzte der Bildhauer die Tafel ein und verfugte den Sockel. Die ­Inschriftentafel von Nikolaus Simon gibt den Wortlaut von 1901 in einer geänderten Schrifttype wieder und setzt durch eine neue Anordnung und die Hinzufügung von Eichenlaub den Akzent auf die Worte »für Dich als Helden«.

Im Unterschied zu den anderen figürlichen Kriegerdenkmälern in Saarlouis unterblieb jedoch die Rückgewinnung der beherrschenden Figurengruppe. Dies dürfte verschiedene Ursachen haben. Zum einen war der Denkmaltypus des hingesunkenen Sterbenden und des fahnenschwenkenden Vorwärtstürmenden bereits einige Jahre nach Entstehung des Saarlouiser Exemplars stilistisch und nach den desas­trösen Erfahrungen der beiden Weltkriege auch von der Intention her überholt. Zum anderen war in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre der zeitliche Abstand zu dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 inzwischen so groß geworden, dass es – im Unterschied zu den beiden Weltkriegen – kaum noch lebende Kriegsteilnehmer oder unmittelbare Anverwandte gegeben haben dürfte, denen die Erinnerung an ihre gefallenen Kameraden oder Familienangehörigen in einem zu erneuernden Denkmal festzuhalten ein durchsetzbares Anliegen gewesen wäre. Mit anderen Worten: Das Kreis-Kriegerdenkmal hatte zu diesem Zeitpunkt keine durchsetzungsfähige Lobby mehr. So blieb in Saarlouis als einziger der von der Militärregierung abgeräumten Sockel derjenige des Kreis-Kriegerdenkmals in diesem Zustand bis heute erhalten.

Wie den Akten zu entnehmen ist, »wurde das Denkmal und der Denkmalplatz durch die Stadt gepflegt.« Besonders erwähnenswert sind die aktenkundigen Bestrebungen der Stadt 1959 bis 1961, »... die gärtnerische Anlage an ... (dem) Ehrenmal infolge der durch den Ringverkehr hinzugekommenen Flächen neu (zu) gestalten...«.

Mit dem Kaufvertrag vom 8. Februar 1966 erwarb die Stadt Saarlouis als Käuferin von dem Land Saarland als Verkäufer die im Grundbuch Saarlouis Band 47 Blatt 1742 verzeichnete Parzelle Flur 1 Nr. 1471/1, Denkmalplatz, Kaiser-Wilhelm-Straße und Lothringer Straße, in Größe von 7,50 ar, zum Kaufpreis von 3,00 DM /qm, insgesamt 2.500,00 DM.

Der Bau des Kreisverkehrs trug dem stetig wachsenden Verkehrsaufkommen Rechnung. Damit einher ging auch die allmähliche Vermehrung von Beleuchtungskörpern, Verkehrsschildern, Straßenmarkierungen und dergleichen, die die akzentuierte Gestaltung dieses städtebaulichen Punktes mehr und mehr in den Hintergrund treten ließen. Zur weiteren Verunklärung trug auch die Modernisierung des Lyceum-Gebäudes bei. 1962 wurde das Schulhaus zum Gerichtsgebäude umgewidmet und sukzessive den Bedürfnissen des Verwaltungsgerichts angepasst. An der Hauptfassade wurden der Scheingiebel und die Säulengestaltung des Eingangs entfernt und das backsteinsichtige Gebäude mit einem grauen Anstrich versehen, der auch den Sgrafitto-Dekor über den Fenstern zudeckte. Diese Maßnahme zerstörte die charakteristische architektonische Mittenbetonung der Fassade und nahm dem Kreis-Kriegerdenkmal seine umrahmende Kulisse. In den Jahren danach verschwand der Sockel allmählich hinter Gebüsch.

Erst umfassende Baumaßnahmen an dem Gebäude des Verwaltungsgerichtes 2000 bis 2004, die auf einen Wettbewerb 1997 zurückgehen, führten zu einer erneuten Hinwendung zu dem Denkmalsrelikt. Im Zuge des Ergänzung des Gebäudes durch einen Erweiterungsbau an der ­Lothringer Straße (nach Entwurf von Focht + Partner) wurde auch der historische Gebäudeteil umfassend restauriert und das äußere Erscheinungbild der ehemaligen Höheren Töchterschule weitgehend wiedergewonnen. Indessen entschied man sich gegen die Wiederherstellung von Säuleneingang und Schmuckgiebel an der für das Kreis-Kriegerdenkmal wichtigen Eingansgfassade. Die 1960er-Jahre-Überdachung des Haupteingangs wurde durch eine gläserne Überdachung nach Entwurf von Focht + Partner ersetzt. Parallel zu diesen Arbeiten ließ die Stadt Saarlouis im Jahre 2001 den überwachsenen Sockel freilegen und eine neue ­Abdeckung aufbringen.

In jüngster Zeit allerdings wird die Freilegung durch eine andere, offenbar nicht abgestimmte Maßnahme konterkariert: eine große, hölzerne Waage, deren Schalen mit Blumen gefüllt sind, zieht nicht nur die Blicke auf sich, sondern verstellt im Süden sogar die Ansicht auf den Denkmalsockel.


Bibliogafie

  • 1890 – Saarlouis wächst über seine Festungsmauern hinaus. Vom Vauban-Plan zum Stübben-Plan. Ausstellungskatalog Saarlouis 1990 (Typoskript)
  • Fritz Abshoff: Deutschlands Ruhm und Stolz. Unsere hervorragendsten vaterländischen Denkmäler in Wort und Bild. Unter Mitwirkung von zahlreichen Behörden, Vereinen und Vaterlandsfreunden bearbeitet und redigiert von Fritz Abshoff. Berlin, o. J. (1904)
  • Peter Bloch, Sybille Einholz und Jutta von Simson: Ethos und Pathos. Die Berliner Bildhauerschule 1786-1914. Ausstellungskatalog, Band 1 und 2, Berlin 1990
  • Peter Bloch und Waldemar Grzimek: Die Berliner Bildhauerschule im neunzehnten Jahrhundert. Das klassische Berlin. Berlin 1978, durchgesehene Ausgabe 1994
  • Arnim Flender: Öffentliche Erinnerungskultur im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg. ­Untersuchungen über den Zusammenhang von Geschichte und Identität. Baden-Baden 1998 (Schriftenreihe des Instituts für Europäische ­Regionalforschungen, Bd. 2)
  • Lothar Fontaine, Benedikt Loew und Erich Pohl: Saarlouis wie es früher war. Gudensberg-Gleichen 1999, S. 48
  • Karl-Heinz Friese: Einst »Offizier-Speise-Anstalt« und »Höhere Töchterschule« – Die Dienstgebäude der saarländischen Verwaltungsgerichte. In: Karl-Heinz Friese (Hg.): Verwaltungsgerichtsbarkeit im Saarland. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Oberverwaltungsgerichts und des Verwaltungsgerichts in Saarlouis. Saarbrücken 2002, S. 359-372
  • Rosemarie Haine-Maas: Saarlouis Einst und ­Heute. Ein Streifzug durch Saarlouis und seine Geschichte. Saarbrücken 1992
  • Fritz Hellwig: Alte Pläne von Stadt und Festung Saarlouis. Saarbrücken 1980
  • Oliver Karnau: Hermann Josef Stübben. ­Städtebau 1876-1930. Braunschweig und ­Wiesbaden 1996
  • Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in ­Deutschland. Band 2. Einigungskriege. ­Heidelberg 1985
  • Kevin Lynch. Das Bild der Stadt. 1. Auflage 1965, 2. Auflage Braunschweig 1989
  • Annette Maaß: Der Kult der toten Krieger. Deutschland und Frankreich nach 1870/71. In: Etienne François, Hannes Siegrist und Jakob Vogel (Hg.): Nation und Emotion. Deutschland und Frankreich im Vergleich. 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1995, S. 215-231
  • Regina Paquet: Von der Schulgründung bis 1930. In: 1901 bis 2001. 100 Jahre Robert-­Schuman-Gymnasium des Landkreises Saarlouis. Herausgegeben vom Robert-Schuman-Gymnasium Saarlouis. Saarbrücken 2001, S. 13-17
  • Regina Paquet: Ein Prachtbau für die Höhere Mädchenschule. In: 1901 bis 2001. 100 Jahre Robert-Schuman-Gymnasium des Landkreises Saarlouis. Herausgegeben vom Robert-Schuman-Gymnasium Saarlouis. ­Saarbrücken 2001, S. 137
  • Pflügler: Das städtische Oberlyzeum. In: (Johann) Latz (Hg.): Saarlouis 1680-1930. Rückschau und ­Ausblick im 250. Gründungsjahre der Stadt. Saarlouis 1930, Nachdruck Saarlouis 1976, S. 161-165
  • Hans Jörg Schu: Chronik der Stadt Saarlouis 1680-1980. Ein chronologischer Bericht über die Entwicklung der Festungsstadt. Saarbrücken o. J. (1980)
  • Günter Scharwath: Wilhelm Wandscheider und das »Dreißiger-Denkmal« in Saarlouis. In: Unsere Heimat. Mitteilungsblatt des ­Landkreises Saarlouis für Kultur und Landschaft. 25. Jg., 2000, Heft 4, S. 147-154
  • Martina Weinland: Kriegerdenkmäler in Berlin (1813/15 bis 1914/28). In: Peter Bloch, Sybille Einholz und Jutta von Simson: Ethos und Pathos. Die Berliner Bildhauerschule 1786-1914. Ausstellungskatalog Berlin 1990, Band 2, S. 281ff.
  • Martina Weinland: Kriegerdenkmäler in Berlin 1870 bis 1930. Frankfurt/Main, Bern, New York und Paris 1990

Quellen

  • Kreisarchiv Saarlouis
    - Bestand I E, Nr. 19: Erfassung von Kulturdenkmälern im Landkreis Saarlouis durch die franz. Militärregierung des Saargebiets 1945-1948
  • Stadtarchiv Saarlouis
    - Akte Nr. XII/50
    - Akte Nr. 6741-02 (Kreis-Kriegerdenkmal)
    - Mappe 10.52 (Luftaufnahmen)
    - Bildarchiv (Postkarten)
  • Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Saarlouis
    - Oranna Dimmig, Jo Enzweiler, Nina Jäger, Sandra Kraemer und Claudia Maas: Das Relikt des Kreis-Kriegerdenkmals in Saarlouis. Studien des Instituts für aktuelle Kunst im Saarland 1. Saarlouis 2007 (Typoskript)

Redaktion: Oranna Dimmig