Institut für aktuelle Kunst

Saskia Schulz, Kamelienfenster über dem Hauptportal der evangelischen Kirche Saarlouis (Innenstadt), 2010. Foto: Archiv Saskia Schulz (Ausschnitt)
Carl Schlück, evangelische Pfarrkirche Saarlouis (Innenstadt), 1904-06. Foto: Landesinstitut für Pädagogik und Medien, Fotoarchiv, Mechthild Schneider (2010)
Carl Schlück, evangelische Pfarrkirche Saarlouis (Innenstadt), 1904-06, Eingangsfassade. Foto: Landesinstitut für Pädagogik und Medien, Fotoarchiv, Mechthild Schneider (2010)
Carl Schlück, evangelische Pfarrkirche Saarlouis (Innenstadt), Grundriss Erdgeschoss, Ausführungsentwurf, 1904. Abbildung aus: Kristine Marschall: Sakralbauwerke des Klassizismus und des Historismus im Saarland. Saarbrücken 2002, S. 565, Abb. 205.9
Carl Schlück, evangelische Pfarrkirche Saarlouis (Innenstadt), Grundriss Emporengeschoss, Ausführungsentwurf, 1904. Abbildung aus: Kristine Marschall: Sakralbauwerke des Klassizismus und des Historismus im Saarland. Saarbrücken 2002, S. 565, Abb. 205.10
György Lehoczky, "Emmausweg", farbiges Fenster, 1955. Foto: Hans-Jürgen Ruppenthal
Saskia Schulz, Kamelienfenster, 2010. Abbildung: Archiv Saskia Schulz
Saskia Schulz, Kirschenfenster, 2010. Abbildung: Archiv Saskia Schulz
Saskia Schulz, Lilienfenster, 2010. Abbildung: Archiv Saskia Schulz

Saarlouis (Innenstadt), Schultz, Glasfenster

Künstler: Lehoczky, György (kisrákói és bisztricskai Lehoczky György)
Epoche: 20. Jahrhundert, 21. Jahrhundert
Gattungen: Kunst im sakralen Raum
Werke: Fenster

Saskia Schultz, "Blütenfenster", 2010
10 Fenster, Überfanggläser in Rot, Grün und Blau, geätzt und gesandstrahlt
Evangelische Kirche Saarlouis, Kaiser-Friedrich-Ring/Kaiser-Wilhelm-Straße


Die evangelische Pfarrkirche Saarlouis von Carl Schlück
In Saarlouis, 1680 als französische Festungsstadt gegründet, konnte sich eine evangelische Gemeinde erst nach der 1815 erfolgten Übergabe der Festung an Preußen bilden. Auf Veranlassung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. wurde die „Salle des Cadets“, der ehemalige Fechtsaal, als Kirchenraum für die protestantische Garnisonsgemeinde, die auch die zivilen evangelischen Christen der Stadt betreute, umgebaut. Als nach der Aufgabe der Festungsstatus (1889) die Garnisonspfarrstelle 1893 aufgehoben und stattdessen eine Pfarrstelle für die evangelische Zivilbevölkerung eingerichtet wurde, galt das Sinnen und Trachten der Kirchengemeinde der Errichtung eines neuen, repräsentativen Gotteshauses, das die neue Selbstständigkeit nach außen hin dokumentieren sollte (vgl. Ausstellungskatalog 1980, S. 60). Auf Anraten des Kölner Baurats Josef Stübben, der als Gutachter für die Stadtplanung der über die Festungsanlagen hinauswachsenden Stadt Saarlouis hinzugezogen worden war, wurde die niedergelegte Bastion V als Standort für die neue Kirche und das Pfarrhaus gewählt. Im Jahre 1904 konnte der Grundstein gelegt, 1906 die Kirche eingeweiht werden.

An städtebaulich herausragender Stelle war ein dem Historismus wie dem Jugendstil verpflichteter Kirchenbau entstanden, den der Landeskonservator Martin Klewitz später mit folgenden Sätzen beschrieb: "Wohin soll man die Kirche in Saarlouis einordnen? Sie wird nach den Plänen des Presbyters der Pfarrei, dem Architekten Karl Schück, gebaut, Pläne, die vom damaligen Provinzialkonservator Clemen gutgeheißen wurden. Der Grundriss, durch Zwickelbauten unklar, basiert auf dem griechischen Kreuz. Einzelne Formen außen sind der spätesten Gotik oder der Renaissance entliehen (...). Die Turmhaube ist barock, und das Innere mit den vier Emporen mit den gedrungenen Säulen möchte man am ehesten als klassizistisch ansprechen, wären da nicht die Rippengewölbe und die Blattkapitelle. Die Zueinanderordnung der Prinzipalstücke – Altar, Kanzel Orgel – folgt barocker Tradition. Und in allem klingt ein Stück Kaiserzeit und auch Jugendstil durch. (...)" (Klewitz 1975, S. 255)

Die Fenster
Der Innenraum wird vor allem durch drei große Fenster über den (Sitz-) Emporen beleuchtet. Kleinere Fenster sind auf der Orgelempore, über und neben den Eingängen, sowie unter der Nord- und der Südempore angeordnet. Im Zweiten Weltkrieg wurde die ursprüngliche Fensterverglasung zerstört. Der Überlieferung nach hatte es sich um eine zumindest teilweise farbige Verglasung mit Portraits, Wappen und Randdekorationen gehandelt. Bei der Instandsetzung der Kirche in der vom Mangel gekennzeichneten Nachkriegszeit musste auf eine aufwendige Verglasung verzichtet werden. Zur Ausführung kam eine schlichte Verglasung aus sogenanntem Bank- oder Tischglas ohne jede dekorative oder bildliche Darstellung (vgl. Festschrift 2010, S. 3).

1955 konnten die vier kleineren Fenster unter der Nord- und der Südempore mit einer Bleiverglasung in kräftigen, leuchtenden Farben nach Entwürfen des ungarischen Architekten und Glasmalers György Lehoczky versehen werden. Ausführt in mundgeblasenem Echtantikglas, zeigen sie die Darstellungen "Matthäus, Petrus, Markus", "Bergpredigt", "Emmausweg" und "Lukas, Paulus, Johannes". Mit diesen Themen greifen sie unter anderem die bildhauerischen Darstellungen der Evangelisten-Symbole auf, die sich an den Brüstungen der Emporen finden (Jüngling, Löwe, Stier und Adler).

Austausch der Fenster
Etwa 60 Jahren nach ihrem Einbau waren insbesondere an den Fenstern der Süd- und Westseite die Spuren jahrzehntelanger Einwirkung von Abgasen und saurem Regen unübersehbar geworden. Die rauen Tischgläser der neutralen Verglasungen waren von dunklen Streifen überzogen. 2005 begannen daher die ersten Vorarbeiten zu einem Austausch der Fenster. Mehrere Exkursionen führten den vom Presbyterium beauftragten Bauausschuss zunächst in den süddeutschen Raum, dann nach Norden ins Siegerland und in die Umgebung von Paderborn, schließlich nach Belgien, um unterschiedliche Beispiele von Glasfenstern zeitgenössischer Künstler kennenzulernen. Dank dieser Studien präzisierten sich die Vorstellungen, welcher Art die neue Verglasung der evangelischen Kirche Saarlouis sein sollte und welche künstlerische Handschrift passend sein könnte.

Das Presbyterium wählte drei Künstler aus und lud sie ein, Vorentwürfe zu erarbeiten. Nach wiederholter Aussprache entschied sich das Gremium mehrheitlich für den Entwurf der Glasmalerin Saskia Schulz aus Stuttgart.

"Licht in seiner Lebendigkeit" – Die Blütenfenster von Saskia Schulz
Saskia Schulz bezieht sich bei ihren Entwürfen auf die Jugendstilanklänge der Architektur, auf die ursprüngliche Ausmalung des Innenraums mit pflanzlichen Ornamenten und auf die noch vorhandenen Ranken und Knospen bildhauerischer Arbeiten. So wählte sie florale Motive, die in unterschiedlicher farblicher Intensität auf dem Glas erscheinen. Diese Wirkung erzielt die Glaskünstlerin indem sie mundgeblasene klare Echtantikgläser bzw. Überfanggläser entsprechend ätzt und mit dem Sandstrahl mattiert. Jedem der großen Emporenfenster ist eine Pflanze und eine Farbe zugeordnet. Im Norden erscheinen Kirschzweige in hellem Grün, im Süden Lilienzweige in Aquamarinblau und an der Eingangsseite im Osten Kamelienzweige in Rubinrot. Die kleineren Fenster der Eingangsseite (Hauptportal, Turmportal und Vorhalle) nehmen die Motive des Kamelienfensters auf, die kleineren Fenster der westlich gelegenen Orgelempore greifen auf das Kirsch- und das Lilienfenster zurück.

Wie Saskia Schulz in ihrem Erläuterungsbericht schreibt, hat sie bei der Wahl der Motive bewusst auch Pflanzen herausgesucht, die nicht dem christlich-jüdischen sondern dem ostasiatischen Kulturkreis entnommen sind: Kamelien- und Kirschblüten. Allen drei Pflanzen ist eine widersprüchliche Bedeutung zueigen: der Reinheit und Schönheit ihrer Blüten stehen deren Vergänglichkeit gegenüber und können somit symbolhaft auch für das Leben und den Tod Christi stehen. Dagegen ist die Symbolik der gewählten Farben eher allgemeiner Natur: Grün steht für die Hoffnung, Blau für Transzendenz und Rot für die Liebe. Es ist der Künstlerin wichtig, "dass die Assoziation sowohl zu den Farben als auch den Blüten jedem selbst überlassen bleibt". Die Erscheinung der Fenster "und das Licht, welches sie in den Raum bringen, sollen wirken." (zitiert nach Festschrift 2010, S. 11)

Die Fenster von Saskia Schulz nehmen mittels ihrer zurückhaltenden Darstellungen von Zweigen mit Blättern und Blüten und durch ihre Beschränkung auf jeweils eine Farbe Rücksicht auf die leuchtenden, vielfarbigen Fenster von György Lehoczky und ihre dem Neuen Testament entnommen Gestalten.

Den Einbau der Fenster von Saskia Schulz übernahm die Mayr’sche Hofkunstanstalt München im Herbst 2010.  

Oranna Dimmig

Biografie

Saskia Schulz, Malerin, Glasmalerin, Grafikerin
geboren 1978 in Stuttgard

Karl Schlück, Architekt
geboren 1862 in der Fasanerie bei Meiningen/Thüringen
gestorben 1935 in Saarlouis

György Lehoczky (kisrákói és bisztricskai Lehoczky György)
Architekt, Maler, Zeichner
geboren 1901 in Vihnye (Vinhyepeszerény), Ungarn (heute Vyhne/Slowakische Republik)
gestorben 1979 in Saarbrücken

Bibliografie:

  • Martin Klewitz: Der evangelische Kirchenbau zwischen 1800 und 1945. In: Die evangelische Kirche an der Saar gestern und heute. Hg. von den Kirchenkreisen Ottweiler, Saarbrücken und Völklingen der Evangelischen Kirche im Rheinland. Saarbrücken 1975, S. 247-260, S. 255
  • Kreisstadt Saarlouis (Hg.): Kunst im Kirchenraum Saarlouis 1100-1980. Ausstellungskatalog Städtisches Museum Saarlouis, 1980, S. 60-65
  • Petra Schu: Die evangelische Kirche in Saarlouis. Magisterarbeit 1997 an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken (unveröffentlicht; ausführliche Baugeschichte, Baubeschreibung und kunsthistorische Einordnung)
  • Kristine Marschall: Sakralbauwerke des Klassizismus und des Historismus im Saarland. Saarbrücken 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 40), S. 326-328 (mit Bibliografie)
  • Arbeitskreis György Lehoczky (Hg.): György Lehoczky. 1901-1979. Architektur, Malerei, Kunst im sakralen Raum, Kunst im öffentlichen Raum, Buchillustration. Saarbrücken 2010, S. 156 (S39)
  • Evangelische Kirchengemeinde Saarlouis (Hg.): Evangelische Kirche Saarlouis. Festschrift zur Vorstellung der neuen Kirchenfenster. 1. Advent, 28. November 2010

Redaktion: Claudia Maas, Oranna Dimmig