Institut für aktuelle Kunst

Gunter Demnig, Stolperstein für Johanna Kirchner, 2012. Foto: Institut für aktuelle Kunst, O.D.
Johanna Kirchner. Abbildung aus: Irmgard Christa Becker: Johanna Kirchner, ein biographischer Überblick. Hg. von AWO-Saarland, Büro Öffentlichkeitsarbeit. 2. Auflage Saarbrücken 2008, S. 2
Werbung für das Lokal, das die ehemalige Reichstagsabgeordnete Marie Juchacz im Hause Bahnhofstraße Nr. 80 (seit 1935/36 Nr. 95) betrieb, eine Begegnungsstätte deutscher Emigranten. Hier arbeitete Johanna Kirchner nach ihrer Flucht an die noch freie Saar 1933. Abbildung aus: Karl August Schleiden: Illustrierte Geschichte der Stadt Saarbrücken. Hg. von Klaus Krüger und Claudia Maas. Dillingen/Saar 2009, S. 475
Stolperstein für Johanna Kirchner. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, O.D.
Verlegung des Stolpersteins für Johanna Kirchner vor dem Geschäftshaus Bahnhofstraße 80 in Saarbrücken am 5. Juli 2012. Foto: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, O.D.

Saarbrücken, Demnig, Stolperstein, Kirchner, Johanna

Epoche: 21. Jahrhundert
Gattungen: Kunst im öffentlichen Raum
Werke: Denkmäler/Gedenkstätten, Stolpersteine

Gunter Demnig
1 Stolperstein
Beton, Messing, per Hand eingeschlagene Inschrift, 96 x 96 x 100 mm
Saarbrücken, Bahnhofstraße 95, unter der Arkade

  • Stolperstein für Johanna Kirchner
    Initiative: Arbeiterwohlfahrt Saarland
    Verlegedatum: 5. Juli 2012 (Bahnhofstraße 80; 2013 Umsetzung nach  Bahnhofstraße 95)
    Text der Inschrift:
    "Hier arbeitete / Johanna Kirchner / Jg. 1889 / Sozialdemokratin / Mitbegründerin / Arbeiterwohlfahrt / Widerstandskämpferin / verhaftet 1942 / hingerichtet 9.6.1944 / Berlin-Plötzensee"

Biografie:
Johanna Kirchner wurde 1889 in Frankfurt am Main als Johanna Stunz in eine sozialdemokratische Familie hinein geboren. Geprägt durch das politische Engagement ihrer Eltern, trat sie im Alter von 19 Jahren in die SPD ein. 1913 heiratete sie Karl Kirchner, der damals im Parteisekretariat der SPD arbeitete. Zuvor hatte sie nach Abschluss von Volks- und Handelsschule als Sekretärin gearbeitet. Das Ehepaar Kirchner bekam zwei Töchter. Während des Ersten Weltkrieges leitete Karl Kirchner die Frankfurter Kriegsfürsorge, in dessen Rahmen Johanna Kirchner in Not geratene Frauen und Kinder betreute. Soziales Engagement und politische Arbeit prägten künftig ihr Leben. So gehörte sie 1919 zu den Gründungsmitgliedern des Frankfurter Ortsausschusses der Arbeiterwohlfahrt, dessen Hauptausschuss als Organisation innerhalb der SPD auf Betreiben der Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz (1879-1953) gegründet worden war. Kinder- und Jugendfürsorge wurden zu den Schwerpunkten der Arbeit Johanna Kirchners in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Besonders hervorzuheben ist die Ruhrkinder-Verschickung 1923, als sie für Kinder, deren Familien während der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen aufgrund von Streiks und Unruhen in Not geraten waren, Erholungsaufenthalte in Frankfurt/Main und in der Schweiz organisierte.
Nach ihrer Scheidung heiratete Johanna Kirchner ein zweites Mal; die Ehe mit dem Sozialdemokraten und Zeichenlehrer Paul Schmidt währte nur ein Jahr. Ab 1926 verlagerte Johanna Kirchner ihren Schwerpunkt zunehmend von der Wohlfahrtspflege auf die politische Arbeit. Sie wurde hauptamtliche Parteisekretärin der SPD Frankfurt/Main und focht in den letzten Jahren der Weimarer Republik für den Erhalt der Demokratie und gegen den erstarkenden Nationalsozialismus. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Errichtung der NS-Diktatur 1933 entzog sich Johanna Kirchner der drohenden Verhaftung, indem sie nach Saarbrücken, der ersten Station ihrer langen Odyssee, emigrierte.
Das Saargebiet, das nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Deutschen Reich ausgegliedert worden war und durch eine vom Genfer Völkerbund eingesetzte Regierungskommission verwaltet wurde, wandelte sich bis zur Saarabstimmung 1935 zu einem Ort der Zuflucht für Bürger des Deutschen Reiches, die der mörderischen Willkür der neuen Machthaber entflohen. Eine dieser Emigranten war auch die bereits erwähnte Marie Juchacz, Sozialdemokratin, Mitglied der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung 1919/20 und bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstags. In der Saarbrücker Bahnhofstraße (damals Nr. 80, heute Nr. 95) betrieb sie ein Lokal, in dem die Emigranten preiswert essen konnten. Diese Gaststätte wurde die erste Arbeitsstelle von Johanna Kirchner im Saargebiet. Hier arbeitete sie als Serviererin, bis sie von Max Braun (1892-1945), dem Vorsitzenden der SPD Saar, als hauptamtliche Parteisekretärin eingestellt wurde. Den Kontakt zu Max Braun vermittelte Emil Kirschmann (1888-1948), Schwager von Marie Juchacz und ebenfalls ehemaliger SPD-Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Sozial engagierte sich Johanna Kirchner in der Hilfe für Emigranten, politisch kämpfte sie an der Seite von Max Braun vor allem dafür, die Rückgliederung des Saargebiets in den Reichsverbund, d.h. den Anschluss an Hitler-Deutschland, zu verhindern. Vergeblich.
Bei der Saar-Abstimmung am 13. Januar 1935 votierte die Bevölkerung des Saargebiets mit großer Mehrheit für die Wiedereingliederung in das Deutsche Reich. Da das Abstimmungsergebnis nicht nur bei den Emigranten eine regelrechte Massenflucht nach Frankreich auslöste, richteten die Sozialdemokraten Max Braun, Emil Kirschmann und Johanna Kirchner nur wenige Tage nach dem Abstimmungstag eine Beratungsstelle für Flüchtlinge in der benachbarten französischen Stadt Forbach ein. Finanziert mit Geldern internationaler Organisationen, kümmerte sich die Einrichtung um die Unterbringung der Flüchtlinge und diente als Informationsbörse.
Als die Beratungsstelle 1936 von den französischen Behörden geschlossen wurde, blieb Johanna Kirchner in Lothringen. 1937 verlor sie ihre deutsche Staatsangehörigkeit. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde sie - wie die anderen deutschen Emigranten - von dem französischen Staat als feindliche Ausländerin angesehen. Ende 1939 in Metz verhaftet, brachte man sie in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen, wo sie bis zur Kapitulation Frankreichs blieb. Die Kapitulationserklärung sah vor, dass Frankreich alle von den deutschen Behörden genannten Deutsche auszuliefern hätte. Indessen setzte sich der Lagerkommandant von Gurs über diese Bestimmung hinweg. Er kannte Johanna Kirchner noch aus Forbach, schätzte sie und entließ sie aus dem Lager. Sie schlug sich bis Avignon durch, wo sie zufällig auf einen Weggefährten aus der Zeit des Abstimmungskampfes an der Saar traf: den Journalisten, Mitglied der Zentrumspartei und erbitterten Hitler-Gegner Johannes Hoffmann (1890-1967), der nach dem Zweiten Weltkrieg Ministerpräsident des Saarlandes werden sollte. Johannes Hoffmann selbst hatte auf der Flucht vor den Nazis Zuflucht in einem Kloster unweit von Avignon gefunden, wohin er Johanna Kirchner mitnahm. Bei den Oblaten-Patres konnte sie einige Monate bleiben. Danach zog sie mit dem jungen deutschstämmigen polnischen Pater Paul Ischler als dessen Haushälterin in die Nähe der Schweizer Grenze nach Aix-les-Bains. Hier wurde sie 1942 von der französischen Geheimpolizei verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Auf dem Weg in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit kam sie noch einmal durch Saarbrücken, der ersten Station ihres Exils, und durch Frankfurt/Main, ihrer Geburtsstadt. In Berlin von dem Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler des Landesverrats angeklagt, wurde Johanna Kirchner in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Das Urteil am 9. Juni 1944 in Plötzensee vollstreckt.

Nach dem Ende von Krieg und Gewaltherrschaft in Deutschland wurde Johanna Kirchner für ihr soziales Engagement und ihren Kampf für Freiheit und Demokratie vielfach geehrt. In Saarbrücken erinnert die Hanna-Kirchner-Straße, das Johanna-Kirchner-Haus der AWO Saarland e.V. und eine von dem Frankfurter Bildhauer Clemens Strugalla gefertigte Bronzebüste im Rathaus St. Johann an die große Sozialdemokratin.


Bibliografie und Quellen

  • Max Oppenheimer: Das kämpferische Leben der Johanna Kirchner. Porträt einer antifaschistischen Widerstandskämpferin. Frankfurt/Main 1974
  • Antje Dertinger und Jan von Trott: " ... Und lebe immer in Eurer Erinnerung". Johanna Kirchner - eine Frau im Widerstand. Berlin und Bonn 1985
  • Gerhard Paul: Max Braun. Eine politische Biografie. St. Ingbert 1987
  • Joachim Heinz: Vor dem Vergessen bewahren: Johanna Kirchner. In: Saarheimat, 33. Jg., 1989, Heft 7-8, S. 137-140
  • Hermann Volk: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 4, Saarland. Herausgegeben vom Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933-1945, vom Bundesvorstand und vom Landesverband Saar der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten. Köln 1990, S. 10
  • Landesjugendring Saar (Hg.): Alternativer Stadtführer Saarbrücken 1933-1945. Saarbrücken o. J. (Neuauflage 1990?), S. 24
  • Ruth Bauer und Karin Maaß: Frauenwege in Saarbrücken. Historische Stadtrundgänge. Hg. von FrauenSichtenGeschichte. Ein Projekt des Frauenbüros der Landeshauptstadt Saarbrücken und der frauenbibliothek & dokumentationszentrum frauenforschung Saarbrücken. Saarbrücken 2002, S. 60-63
  • Irmgard Christa Becker: Johanna Kirchner, ein biographischer Überblick. Hg. von AWO-Saarland, Büro Öffentlichkeitsarbeit. 2. Auflage Saarbrücken 2008
  • Johanna Kirchner (1889-1944). „Seid tapfer und unverzagt! Lasst Euch vom Leid nicht erdrücken!“ In: Edith Dörken: Berühmte Frankfurter Frauen. Frankfurt am Main 2008, S. 107-121
  • Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Objekt Nr. 4613

Redaktion: Oranna Dimmig

Leihgebühren

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