Institut für aktuelle Kunst

Albert Dietz und Bernhard Grothe, katholische Pfarrkirche St. Augustinus, Wiesbach, 1959-63. Foto: Sebastian Baumert
Kapellen-Front. Foto: Foto: Landesinstitut für Pädagogik und Medien, Fotoarchiv
Süd-West-Front. Foto: Sebastian Baumert
Kapellen. Foto: Sebastian Baumert
Kapellen. Foto: Sebastian Baumert
Turm. Foto: Sebastian Baumert
Eingang. Foto: Sebastian Baumert
Fenster der Turm-Kapelle, außen. Foto: Sebastian Baumert
Fenster der Turm-Kapelle, innen; Entwurf Boris Kleint, Ausführung Gabriel Loire, 1962/63. Foto: Sebastian Baumert
Grundriss. Zeichnung: Sebastian Baumert
Innenraum. Abbildung aus Jo Enzweiler (Hg.): Boris Kleint. Malerei, Glasbilder, Stelen, Kunst im öffentlichen Raum. Saarbrücken 2009, S. 195 (Fotot LPM, Saar)
Kapellen-Enfilade. Foto: Sebastian Baumert
Taufkapelle. Foto: Sebastian Baumert
Ernst Alt, Taufdeckel, Detail Prophet Jona. Foto: Sebastian Baumert
Turm-Treppe. Foto: Sebastian Baumert
Kapellen. Foto: Sebastian Baumert
Kapelle. Foto: Sebastian Baumert
Innenraum mit Fenstern der Süd-West-Wand. Foto: Sebastian Baumert
Fenster, Detail. Foto: Sebastian Baumert

Eppelborn (Wiesbach), katholische Pfarrkirche St. Augustinus

Künstler: Kleint, Boris
Epoche: 20. Jahrhundert
Gattungen: Kunst im sakralen Raum

Katholische Pfarrkirche St. Augustinus
Eppelborn, Wiesbach, Valeriusstraße 12

Im Ortsbild von Wiesbach ist ein markantes Bauwerk schon aus großer Entfernung wahrnehmbar – die "Neue Pfarrkirche" St. Augustinus. Der Neubau der Kirche, der im Oktober 1959 mit viel Enthusiasmus begonnen wurde, konnte im Sommer 1963 fertiggestellt werden. Die feierliche Konsekration der neuen Pfarrkirche St. Augustinus durch den Trierer Weihbischof Carl Schmidt fand am Sonntag, dem 28. Juli 1963, unter großer Anteilnahme der Wiesbacher Bevölkerung statt.

Wie ist es zu dem Bau der neuen Pfarrkirche in Wiesbach gekommen?
Vor dem Hintergrund des starken Geburtenwachstums in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahm auch die Bevölkerung in Wiesbach spürbar zu. Neben dem Problem einer nicht mehr ausreichenden Kapazität an Plätzen für die Gläubigen bei der Messfeier und auch vor dem Hintergrund sich verschärfender konstruktiver Mängel am Kirchenschiff der bestehenden Pfarrkirche, der heutigen "Alten Kirche", kam der Wunsch nach einem Neubau auf.

Anfänglich wurde eine Erweiterung des Kirchenschiffs der "Alten Kirche" erwogen, jedoch im Zusammenhang mit den nur eingeschränkten räumlichen Erweiterungsmöglichkeiten – bedingt durch die dichte Bebauungsstruktur im unmittelbaren Umfeld der Kirche – verworfen. Die Entscheidung für einen Kirchenneubau stellte somit eine Lösung zur Befreiung aus diesen Zwängen dar und schuf gleichzeitig die Möglichkeit der erneuten Bekundung des Glaubens, manifestiert in einem stattlichen Kirchenbau im Zentrum der Gemeinde.

Auch der Zeitgeist der späten 1950er Jahre – eine Epoche des Aufbruchs nach den vorausgegangenen Kriegserfahrungen und der wachsenden wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland – wird an dem Kirchenneubau spürbar: die Begeisterung der Gemeinde und ihre Bereitschaft zum Fortschritt. Obwohl das Leben vieler Familien in Wiesbach noch immer durch die schmerzlichen Folgen des Krieges und durch die harte Arbeit im Bergbau geprägt war, setzte man sich mit ganzer Kraft ein für die Errichtung dieses großzügigen Kirchengebäudes. Besonders deutlich wird diese Haltung am Beispiel der großherzigen Bereitschaft der Gemeindemitglieder zu Spenden für die Baukasse.

Der Entwurf der neuen Pfarrkirche St. Augustinus geht auf die Architekten Albert Dietz und Bernhard Grothe zurück, die ein gemeinsames Architekturbüro in Saarbrücken gegründet hatten und insbesondere im Sakralbau herausragende bauliche Referenzen vorweisen konnten. Eine besondere Rolle spielte dabei die enge und bewährte Zusammenarbeit der Architekten mit dem Bildenden Künstler Professor Boris Kleint. Gemeinsam haben sie unter anderem die Neubauten der Kirchen St. Mauritius (1955-56) und St. Pius (1961-63) in Saarbrücken realisiert. Daneben zeichnete Boris Kleint auch verantwortlich für die Gestaltung der 1961 realisierten Kirchenfenster der neuen Pfarrkirche St. Paulus, ebenfalls in Saarbrücken.

Die eigentliche Besonderheit beim Entwurf der Kirche in Wiesbach liegt in der Entwicklung der Betonglastechnik, die bei dem Einbau der Kirchenfenster eingesetzt wurde. Erst wenige Jahre zuvor, beim Bau der Pfarrkirche St. Mauritius in Saarbrücken, war innerhalb des deutschen Raumes erstmals eine Kirche mit einer Betonverglasung realisiert worden. Die Technik der Betonverglasung war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und erlebte nun nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders in den 1950er und 1960er Jahren, ihre Blüte. Zu den Wegbereitern dieser Form der Kunstverglasung gehörte der in Chartres ansässige Maître Verrier Gabriel Loire, in dessen Werkstatt Boris Kleint seine Entwürfe sowohl für die Fenster für St. Mauritius in Saarbrücken als auch für St. Augustinus in Wiesbach fertigen ließ.

Als Standort der "Neuen Kirche" wurde ein unbebautes Wiesengrundstück zwischen der in den 1950er Jahren neu errichteten Wiesbacher Volksschule und dem historischen Pfarrhaus gewählt. Im Zusammenhang mit dem Ensemble, bestehend aus der neuen Volksschule und der früheren "Eberbach-Schule", ist die städtebauliche Positionierung des Kirchenneubaus außerordentlich gelungen: zum einen die Einbindung der neuen Pfarrkirche in die vorhandene Gruppe großformatiger Solitärkörper und zum anderen die besondere Beziehung gegenüber der Bebauung in der Augustinusstraße, der Kirchenstraße sowie der Valeriusstraße mit dem Pfarrhaus.

Mit seiner monumentalen Wirkung ist der Baukörper der „Neuen Kirche“ prägend für die Ortsmitte in Wiesbach. Der Kirchenbau bedingt die Stärkung eines Zentrums und hält darüber hinaus den gesamten Ort mit allen seinen bandartigen Straßenzügen über die Ortsgrenzen hinweg zusammen. Dies ist begründet durch die Geste der Kubatur und der Geometrie der Kirche, aber auch durch die Dimension des Bauwerks. Der stattliche Kirchturm mit einer Höhe von nahezu 39 Metern ist schon von den Hügeln der Nachbarorte aus weit sicht- und als dominierender Fixpunkt wahrnehmbar.

Somit bildet die neue Pfarrkirche einen Ort der Identifikation innerhalb des Dorfes und ist zugleich ein markantes Zeichen des Glaubens.

Bestimmend für den Eindruck des neuen Gotteshauses ist der außerordentliche Baukörper des Kirchenschiffes. Ausgehend von der Portalseite mit einer Breite von ca. 40 Metern verjüngt sich das über trapezförmigem Grundriss angelegte Gebäude bis zu seiner Rückseite auf ca. 20 Meter Breite. Entlang der talseitig orientierten Längswand des Kirchenschiffs sind jeweils sechs ebenfalls trapezförmige raumhohe Kapellennischen angegliedert – eine Taufkapelle, eine Gedenkkapelle, die gleichzeitig Grablege Kirchenerbauers Pfarrer Albert Becker ist, sowie die Schlusskapelle, die dem Zugang zur Sakristei und zum Altarraum hinter der Kanzel dient.

An der Portalseite des Kirchenschiffs ist ein großzügiger Eingangsbereich angeschlossen, der ausgehend von der Straße über den weiten Kirchenvorplatz erschlossen wird. Betritt man die Kirche, gelangt man zunächst durch schwere Stahl-Glas-Türen in das Foyer der Kirche und anschließend durch die ebenso schlichten, wie auch erhabenen Holzportaltüren in das Kircheninnere. Hier passiert man zunächst einen niedrigeren Bereich, der sich unterhalb der großen Empore befindet und in dem Marmorne Weihwasser-Stelen zur Segnung für die Gläubigen aufgestellt sind. Schreitet man weiter entlang des Hauptganges in Richtung Altar, eröffnet sich dem Besucher der gesamte Blick in das weite und hohe Kirchenschiff mit den farbigen Betonglasfenstern. Auch am Abend ist dieser großartige Raumeindruck erfahrbar, wenn in der Kirche die Deckenlichter erstrahlen. Dann lässt sich zudem die versetzte Anordnung der kreisrunden Deckenstrahler erkennen, die wie ein abstrakter Sternenhimmel den Innenraum der Kirche hell ausleuchten.

Der Raum des Kirchenschiffs wird durch mächtige Stahlbetondeckenträger, welche die großen zwischengespannten Deckenplatten tragen, in Joche gegliedert. Diese durch die Reihung der Joche gebildete Raumfolge führt zu dem Altarraum am Ende des Kirchenschiffs. Die Abschlusswand trägt als einzigen Schmuck das mittig angebrachte stattliche Kreuz aus Kupferrohr mit dem Korpus aus Holz.

Die Altaranlage war ursprünglich in das Feld der letzten beiden Joche einbeschrieben – ausgehend von der vordersten Reihe der Bänke etwa unterhalb des letzen Trägerfeldes – und über mehrere Stufen und Podeste, wie eine große Bühne entlang der gesamten Rückwand, ansteigend gestaffelt.

Teil der Altaranlage ist eine Kanzel, die unmittelbar neben dem mächtigen Pfeiler des letzen Jochs angegliedert wurde. Eine Einheit bildend mit den daneben angelegten Stufen der Altaranlage, ist diese Kanzel mit den gleichen quadratischen hellen Keramikkacheln belegt, die auch beim Belag des Fußbodens im Kirchenschiff, im Eingangsbereich und in der Sakristei verwendet worden sind. Dieser Umgang mit dem Material ergibt die fließende Raumwirkung zwischen Altar und Kircheninnerem.

In einem spannungsvollen Kontrast zu den glatten kleinteiligen Mosaikfliesen des Bodens stehen der grobe mineralische Wandputz und die rohen Decken mit den Unterzügen aus Beton. Als höchster Punkt im Innenraum des Kirchenschiffs und auch als Höhepunkt im Sinne seiner Bedeutung als Fixpunkt in der römisch-katholischen Messliturgie, bildet der mächtige Hochaltar den konsequenten Abschluss der Altaranlage. Dieser Hochaltar besteht aus einem rechteckigen, zweifach gegliederten massiven Block aus rotem Marmor, der durch seine Farbigkeit bei der Wahrnehmung des Innenraumes deutlich gegenüber dem hellen Boden heraussticht

Der großzügige Innenraum des Kirchenschiffs bietet eine Bestuhlung für über 900 Gläubige. Daraus wird die enorme Dimension der Grundfläche des Kirchengebäudes deutlich, sie beträgt ca. 1300 Quadratmeter. Sogar die Kirchenempore bietet nochmals eine Fläche von ca. 200 Quadratmetern; hier ist die große Orgel aufgestellt und es sind Plätze für die Chorsänger sowie für Gottesdienstbesucher vorgesehen.

Zur Straße an das Kirchenschiff anschließend erhebt sich der hohe Kirchturm über einer Fläche von sechs mal sechs Metern. In den unteren Bereich dieses Turms ist eine separate, niedrige Andachtskapelle integriert, die etwa doppelt so breit und tief wie der Kirchturm selbst ist. In ihrer gesamten Breite öffnet sie sich zum Kirchenschiff und bietet in diesem Übergangsbereich den Platz für zwei einander gegenüberliegende Beichtstühle, die somit sowohl von der Kapelle als auch vom Kirchraum aus zugänglich sind. Ein eigener kleiner Altar in der Südwestecke erhält seitliches Licht durch ein farbiges Betonfenster. Der Aufstieg zum Kirchturm befindet sich an der Wand, die dem Altar gegenüber liegt.

Der Kirchturm ist innen in zehn Etagen eingeteilt. In den beiden obersten Etagen sind die Glockenstuben  untergebracht. Mit seinen sechs Glocken zählt das Geläut von St. Augustinus in Wiesbach zu den umfangreichsten des Bistums Trier. Die beiden größten Glocken wurden eigens für die „Neue Kirche“ 1962 gefertigt. Sie erklingen zusammen mit den vier kleineren Glocken aus dem Jahr 1957, die noch aus dem Geläut der „Alten Kirche“ stammen. Dank dieser großzügigen Bestückung kann eine wirkliche Klangfülle erreicht werden und durch die enorme Höhe des Turms ist das Läuten der Kirchenglocken weit über die Ortsgrenzen Wiesbachs hinaus hörbar.

Das Inventar des Kircheninnenraums der neuen Pfarrkirche St. Augustinus ist auf die Architektur und die bunten Betonglasfenster abgestimmt. Als Beispiele sind hier das Taufbecken, der Tabernakel sowie ein Prozessionskreuz des Künstlers Ernst Alt zu nennen. Das Taufbecken – wie der Hochalter ein monolithischer Block aus rotem Marmor –  befindet sich im Zentrum der Taufkapelle. Die Kubatur dieses Steinblocks ist organisch gerundet und besticht durch die glatt geschliffene Oberfläche ohne jegliche Ecken und Kanten. In diesen Stein ist eine Mulde für das geweihte Taufwasser eingelassen. Sie kann mit einem aus Bronze gefertigten Deckel verschlossen werden. Für diesen Deckel schuf Ernst Alt die Darstellung, wie der alttestamentarische Prophet Jona von dem Fisch, der ihn drei Tage zuvor verschlungen hatte, ausgespien wird – christliches Symbol der Wiedergeburt, wie sie auch symbolisch im Akt der Taufe vollzogen wird. Den Tabernakel hat Ernst Alt als Quader aus Messing gestaltet und außen mit einem Relief aus Bronze und Bergkristall versehen. Erst 1969, einige Jahre nach der Weihe der Kirche, konnte der Kreuzweg in das Schiff eingebracht werden. Die Entwürfe stammen von der Bildenden Künstlerin Yvonne Weiand aus Saarbrücken.

Der Baukörper der Pfarrkirche St. Augustinus in Wiesbach lässt sich im Hinblick auf die äußere Erscheinung charakterisieren als eine Architektur der Volumina – also als eine Formgebung, die mächtig, erhaben und gleichzeitig abstrakt wirkt. Diese Sachlichkeit und Nüchternheit ist bezeichnend für die Architektur der Moderne – insbesondere für die Phase der "Klassischen Moderne".

Auf hohen Pfeilern und kräftigen Wandscheiben liegen die schweren Unterzüge aus Stahlbeton auf, die über die gesamte Breite des trapezförmigen Kirchenschiffs gespannt sind. Auf diesen wiederum sind die großformatigen Deckenplatten aufgelegt. Ausgehend von den flachen Dach- und Deckenplatten, werden im Sinne der konstruktiven Logik die auf das Bauwerk wirkenden Kräfte durch die beschriebenen mächtigen Bauteile in die Fundamentierung eingeleitet.

Am eher geschlossen wirkenden Außenbau hebt sich die grau gestrichene Attika deutlich von den dominierenden großen, gemauerten und hell verputzen Kirchenwänden ab und lässt die Spannung zwischen den tragenden und lastenden Bauteilen erkennbar werden.

Im Inneren hingegen erhält der massiv und geschlossen wirkende Baukörper einen Kontrapunkt, wenn das Licht durch die raumhohen Fenster mit der farbigen Verglasung von Boris Kleint fällt. In Anlehnung an die Durchfensterung gotischer Kathedaralbauten wird das massive Mauerwerk aufgebrochen und an diesen Stellen durch die farbige Transparenz der Glassteine ersetzt. Einem Vorhang vergleichbar, trennen sie den Innenraum vom Außenraum und lassen von der Außenwelt nur das farbig gefilterte Licht in den Kirchenraum hineinfließen. Die dadurch erzeugte ruhige, von der Alltagserfahrung abgehobene Atmosphäre unterstützt den Gläubigen bei seiner Suche nach spiritueller Einkehr und Frieden.

Die recht dicken farbigen Glassteine der Betonfenster erzielen eine weitaus stärkere und kräftigere Wirkung in der Wahrnehmung der Farbigkeit im Kircheninnenraum, als dies bei Verglasungen von Kirchenfenstern in traditioneller bleiverglaster Bauweise möglich wäre. Bei den Fenstern der neuen Pfarrkirche St. Augustinus handelt es sich um sogenannte "Betonverglasungen", die aus einer Vielzahl kleiner Steine aus Glas aufgebaut sind. Für die Fenster der Kirche in Wiesbach wurden Glassteine in Größe kleiner Pflastersteine mit den Abmessungen von ca. 30 x 30 Millimetern eigens in der Glasmanufaktur Loire in Chartres gegossen. In modulare Einheiten aufgeteilt wurden jeweils großformatige Scheiben-Platten vorgefertigt und anschließend vor Ort in die Rohbauöffnungen des Kirchenbaus eingebracht.

Bei dieser Konstruktionsweise werden die farbigen Glassteine in einer Form auf Lücke gesetzt und anschließend in die entstehenden Fugen Stahlrundstäbe zur Bewehrung eingelegt. Danach können diese Fugen mit sehr feinem Zementmörtel vergossen werden. Hieraus leitet sich auch der Begriff der Betonverglasung ab, da analog zum Stahlbetonbau großformatiger Decken- und Wandbauteile eine Struktur aus Stahlrundstäben (sog. Bewehrung) mit Zementmörtel und entsprechenden Gesteinszuschlägen (Beton) ausgefüllt wird.

Im Grunde genommen sind diese Stahlbetonkonstruktionen der „Fenster-Elemente“ selbsttragend. Da aber die "Scheiben-Platten" in Wiesbach recht groß und schwer sind, bedarf es einer zusätzlichen Hilfskonstruktion zur Aussteifung dieser Scheiben gegen Wind- und Schlagregen. Querverlaufende Stahlträger zwischen den Laibungen der Öffnungen der breiten Fenster leiten die wirkenden Kräfte entsprechend in die massiven Wandstützen ab.

Bei der Komposition und Farbigkeit der Betonfenster von St. Augustinus in Wiesbach kommt der von Boris Kleint entwickelten Farblehre eine besondere Bedeutung zu. Vor seiner Hinwendung zur Bildenden Kunst hatte er unter anderem Psychologie und Medizin studiert und 1925 mit einer Studie über Wahrnehmungspsychologie promoviert. Kleint verzichtet auf jede figürliche Darstellung, die Fenster werden allein durch Farbe und geometrische Formen bestimmt. Die schmalen Betonfenster der Südwand sind in gleichgroße, rechteckige, monochrome Felder eingeteilt. Hier dominiert eine Farbpalette aus Grau-, Gelb- und Grün-Tönen. Die etwas breiteren Betonglaswände der Kapellenreihe an der Nordseite sind durch große Felder in warmen Rot-Tönen bestimmt. Jedem dieser wandhohen Fenster ist im unteren und im oberen Bereich je ein schlankes, trapezförmiges Feld aus farblosem Glas eingeschrieben, die in ihrer Ausrichtung alternieren. Dadurch entsteht der Eindruck von Fenstern im Fenster. Eine schmale mittlere Zone aus verdichtet angeordneten Felder suggeriert eine horizontale Unterbrechung und lässt die schmalen, hohen Kapellen zweigeschossig und damit intimer erscheinen. Auf Abstand betrachtet wird diese Wirkung durch die nach unten und nach oben weisenden Formen der angrenzenden trapezförmigen rötlichen Felder wieder aufgehoben. Ihre in die Vertikale weisende Dynamik ruft den Eindruck des In-die-Höhe-Strebens hervor, der für das Langhaus bestimmend ist.

Gemeinsam mit dem Künstler Boris Kleint haben die Architekten Albert Dietz und Bernhard Grothe einen Innenraum geschaffen, dessen Wirkung mit Raumerfahrungen in gotischen Kathedralen verglichen werden kann. Bei aller Zurückhaltung in der Gestaltung des Baukörpers ist es ihnen gelungen, einen geradezu lebendigen und mystisch aufgeladenen Kircheninnenraum zu erzeugen. Unter Verzicht auf jedwede dekorative Ausschmückung beruht die Wirkung des Kirchenraumes auf der engen Wechselbeziehung zwischen der klaren Architektursprache und der künstlerischen Komposition der Fenster. Beide Elemente sind mit einander verbunden und bilden ein untrennbares Ganzes.

Sebastian Baumert

Bibliografie

  • Jo Enzweiler (Hg.): Boris Kleint. Malerei, Glasbilder, Stelen, Kunst im öffentlichen Raum. Saarbrücken 2009, S. 195

Redaktion: Oranna Dimmig

Leihgebühren

Privatpersonen Schüler und Studenten Praxen, Kanzleien, gewerbliche Einrichtungen und Firmen
je Kunstwerk 30 € 15 € 50 €
Künstlerplakate und Werke mit max. 40 cm Breite (ausgenommen Skulpturen) 15 € 10 € 25 €

Für alle Entleiher gilt: