Institut für aktuelle Kunst

Laboratoriumsgespräch mit Wolfgang Nestler et al.
Laboratoriumsgespräch mit Wolfgang Nestler et al.

Laboratoriumsgespräch 11

Tisch-Galerie
Wolfgang Nestler, Lehrende, Absolventen und Studierende der HBKsaar

Von Februar bis Juli 2003 und von November 2003 bis Februar 2004 war im Laboratorium die »Tischgalerie« zu sehen. Lehrende sowie Studierende und Absolventen der Klasse von Wolfgang Nestler zeigten Zeichnungen, Fotografien und Druckgrafik, die im Laufe des Semesters in den Ateliers in der Völklinger Hütte entstanden sind. Teilgenommen haben:

Carmen Baier, Martin Blanke, Christel Blömeke, Elisabeth Detert, Andreas Golczewski, Thomas Haker, Bernd Halbherr, Valérie Hendrich, Nina Jäger, Ullrich Kerker, Hyun-Ju Kim, Ji-Seop Kim, Yune-Ji Kim, Tae-Jin Kim, Hynn Jong Kim, Holger Koch, Frank Krämer, Norbert Kraus, Steffen Krüger, So-Jin Lee, Anke Lohrer, Lisa Lukas, Matthias Martel, Wolfgang Nestler, Hans-Willi Notthoff, Peter Ondraczek, Martin Steiner, Kirsten Waldmann, Thorsten Wagner, Eva Weinert, Steffi Westermayer, Christa Winkler

Beim Laboratoriumsgespräch am 18. November 2003 erläuterten Wolfgang Nestler, Dietfried Gerhardus und die Künstlerinnen und Künstler den Besuchern die Ergebnisse ihrer Arbeit.


Zur Idee der Tisch-Galerie
Die Grundlage bildet ein Tisch, ein Gebrauchsmöbel, wie es überall, in Küchen oder Konferenzräumen, als Ort neuer Begegnungen oder ritueller Zusammenkünfte, als Plattform von Auseinandersetzung und Annäherung zu finden ist.

Diese Funktionen bleiben solch einem Tisch erhalten, wenn ihm in Professor Wolfgang Nestlers Projekt eine exquisite Aufgabe zukommt: In der Tisch-Galerie wird das Gebrauchsmöbel zum Träger aktueller Kunst. So radikal dieses Konzept Rahmenbedingungen vereinfacht, so radikal erweitert es den Radius, in dem Kunst sich bewegen und in dem sie wirken kann. In die inneren Lebenskreise der Menschen lässt es sie eintauchen und wieder auftauchen an ungewohnten Orten. Dann können sie sich auf Tischen in Ladenlokalen oder Foyers wieder finden, diese Arbeiten, die in ausgeprägter Individualität auf hohem Niveau Diskussionsbeiträge bieten zu Standortfragen von Kunst, Gesellschaft und Individuum in diesen unruhigen Zeiten um den Jahrtausendwechsel. Als solche stellen sie sich den Menschen in den Weg ihrer gewohnten Alltagsverrichtungen und überraschen, überfallen, überwältigen mitunter auch diejenigen, die diesen Kontakt nie bewusst gesucht haben. Langfristige Beziehungen können aus diesen ersten Begegnungen entstehen.

Denn wie es dem Sinn und Zweck von Galerien entspricht, werden auch die im Rahmen dieser Tisch-Galerie gezeigten Arbeiten zum Verkauf angeboten, jeder Abschluss wird mit einem Vertrag besiegelt, und wer auch immer Tisch und Raum zur Verfügung gestellt hat, erhält eine Provision. So weit folgt das Projekt den Konventionen des Marktes.

Ganz und gar ungewöhnlich ist hingegen das weitere Prozedere. Denn der Preis der Transaktion ist – jenseits eines Obolus' für den Verwaltungsaufwand (10 Euro) und einer Schutzgebühr für den Künstler (20 Euro) – schiere Verhandlungssache und mithin Anlass zu einer weiteren Auseinandersetzung. Ob er sein Herz nun an Figürliches in Farbe oder Kontraste in Weiß und Schwarz verloren hat, der Liebhaber muss den pekuniären Wert dieser Arbeit in Abwesenheit von Preislisten oder sachkundigen Galeristen allein mit sich selbst aushandeln. Wie hoch ist der Euro-Betrag anzusetzen, der seiner Begeisterung für das Bild, dem Engagement des Künstlers und den von ihm ausgehenden Impulsen gerecht wird?

Es verblüfft nicht, dass auch die Antworten auf diese Fragen den Rahmen des Üblichen sprengen. Nestler berichtet von einem Kartoffelhändler, der erst nach der Entrichtung einer Summe, dem Empfang einer Arbeit und ihrer Integration in seine Privatsphäre erkannte, dass er ihren Wert zu niedrig bemessen hatte. Weil seine finanziellen Mittel begrenzt waren, habe er als freiwilligen Aufpreis wiederum die Erträge seiner Arbeit angeboten: einen Sack Kartoffeln. Der Handel stellte alle Beteiligten zufrieden.

Claudia Küpper