Institut für aktuelle Kunst

Edition Laboratorium 12, von Horst Linn

Edition Laboratorium 12

Horst Linn
broadacre city junction
Mappe mit einem Vorsatzblatt,
drei Textblättern und einem
Siebdruck
Blatt: 30 x 35 cm
2005
Auflage 30 Exemplare
einzeln signiert und nummeriert

Horst Linn ist Bildhauer, er denkt und arbeitet in drei Dimensionen. Zuerst kommt der Raum, den seine Skulpturen verdrängen oder umschreiben, danach die Form selbst und schließlich die Kontur. Sie wiederum ergibt sich aus dem Material und dessen Farbe sowie einmal mehr der Relation dieser Setzungen zum umgebenden Raum. Die Konsequenz dieser künstlerischen Strategien – für die es genügend historische und individuelle Gründe gibt, die hier nichts zur Sache tun – ist eine radikale Umkehr des Werkprozesses: Die Zeichnung folgt der Skulptur. Das disegno interno als konzeptuelle Grundlage jeden Werks wird nicht mehr in Vorstudien auf Papier entwickelt, schon gar nicht in mühsamen Werkzeichnungen und technischen Studien, sondern kommt direkt aus dem Machen selbst. Der Künstler steht an Schneide- wie Faltmaschine, schweißt einzelne Teile zusammen und fasst die Oberflächen farbig, bis sie die von ihm gewünschte Wirkung erreichen. Nochmals: Horst Linn ist Bildhauer, denkt und arbeitet in drei Dimensionen – alles Andere ist dieser Prämisse nachrangig. Typologisch ist die Grundlage dieser Edition weniger Zeichnung zu nennen denn Riss. Das alte Wort – in Maschinenbau wie Architektur bis heute als Synonym zur Werkzeichnung geläufig – verweist weniger auf den Duktus des Zeichnens als auf die Funktion des Gezeichneten. Der Riss ist dem Design näher als der Kunst und hat ganz andere Konnotationen im Vorgeführten. Es ist nicht falsch, beim Anschauen dieser Edition von Horst Linn beispielsweise an den Ausriss eines Stadtplans zu denken: Es geht um Linien, deren Orientierung im Raum und die Konditionen ihrer Wahrnehmung. Wer dieses Blatt vor sich auf den Tisch legt, schaut es von der Unterkante her an, und dann ist, mit Horst Linns eigenen Worten, »die Bewegung der beiden rechten Senkrechten erheblich schneller als die der linken«. Nichts anderes bedeuten kartografische Konventionen: Die Bewegung auf der linken Spur wird von Kreuzungen unterbrochen, die rechte führt, einer Brücke gleich, souverän über alle Hindernisse hinweg. Stellt man sich das Blatt jedoch an der Wand vor, gerahmt und in der klassischen Hängung auf Schulterhöhe, wird es also leicht von oben nach unten angesehen, ist die Wahrnehmung eine andere: Jetzt steht rechts eine Säule vor einer Wand, und links staffelt sich ein Gewände in einer oder zwei Ebenen nach hinten – etwa der Konche einer spätromanischen Basilika und deren horizontaler Gliederung über Steinfarben oder Ornamentstreifen gleich. Diese sehr abstrakte Raumerfahrung ist kaum mehr aus diesem Blatt allein zu destillieren, sondern aus der ganzen Werkreihe, in der es steht. Dort finden sich neben den Linien auch Schnitte, Schichtungen in der Stärke des Kartons, die Lichtkanten produzieren und damit Raumerfahrungen simulieren. Sie wirken geradezu als Raumfallen: Mal springt das hintere Blatt nach vorn, mal nach hinten, eben so wie gerade das Licht fällt und von wo auf das Blatt geschaut wird. In der vorliegenden Edition vertraut Horst Linn allein auf die Kraft der Linien – und die Einsicht der Betrachter. Doch ist dieses Bild, wie jedes andere Kunstwerk auch, mehr als eine Sehschule, besteht es jenseits aller rationalen Konstruktion auf einem doppelten Eigensinn – dem des Künstlers und dem der Betrachter. So konstruiert und reduziert die Zeichen auf dem Blatt sind, so sehr folgen sie dem Prinzip des Reißens – auch aus dem Zusammenhang ihrer Herstellung oder ihrer Betrachtung. Die Zeichnung folgt im Œuvre von Horst Linn also nicht nur zeitlich, sondern auch konzeptuell der Bildhauerei: Es sind Ritzungen, eben Risse in Stein und auf Papier. Das Einfache dieser bildnerischen Lösungen ist mit dem Wort lapidar zu greifen, wörtlich als lineares Meißeln in den geglätteten Stein, ins Metall übertragen als Faltung oder Knick im Schattenriss des Reliefs vor und an der Wand. Lakonisch bleibt die Knappheit der Formulierung bei gleichzeitig höchstem Anspruch an den Intellekt der Wahrnehmung. Die Arbeit des Bildhauers Horst Linn ist demnach ebenso lakonisch wie lapidar, aber keineswegs simpel. Einfach sind die Mittel, hoch die Ansprüche, die der Künstler an sich selbst und damit implizit an die Für-Wahr-Nehmer seiner Arbeiten stellt. Mit seinen umfassenden Kenntnissen der Kunst- und Technikgeschichte steht er Athanasius Kircher näher als Alexander Calder; in der Behandlung des Raums weist er eher auf Meister Gerhardus als auf Le Corbusier; seine Zeichen sind weniger syntaktisch als pragmatisch und gehören damit der fröhlichen Wissenschaft des Anything Goes an. Die künstlerische Produktion von Horst Linn entspricht damit einer letzten Forderung der Moderne vor und nach ihrer eigenen Klassik, indem sie mit Adolf Loos das Einfache tut, das so schwer zu machen ist.
Rolf Sachsse

www.horstlinn.de