Institut für aktuelle Kunst

Edition Laboratorium 11, von Dirk Rausch
Edition Laboratorium 11, von Dirk Rausch
Edition Laboratorium 11, von Dirk Rausch

Edition Laboratorium 11

Dirk Rausch
ohne Titel
Mappe mit einem Vorsatzblatt und drei Serigraphien
Text von Wolfram Armbruster
gedruckt auf 350/g/qm Büttenpapier
Auflage 30
einzeln nummeriert und signiert

Die Mappe wurde gedruckt und hergestellt in den Druckwerkstätten der HBKsaar mit Unterstützung von Meta Backes und Ullrich Kerker

Dirk Rausch: ohne Titel
Konsequent vermitteln die Arbeiten von Dirk Rausch Gedanken zu Konstruktion, Experiment und Begrenzung.

Dies festzustellen hieße, den Versuch zu unternehmen, ins Herz seiner künstlerischen Arbeit und ihrer Bedeutung vorzustoßen, über dasjenige eine Aussage zu treffen, was nicht-figurative Kunst nicht haben muss und manchmal nicht haben darf. Aber anstatt von Zentrum oder Wesen seiner Arbeiten zu sprechen, liegt es näher, eine Terminologie zu nutzen, die zugleich den Puls ihrer Veränderungen erfasst – das Bestreben, Gestalten zu schaffen, sie in großen Schritten zu variieren und dabei neue Beziehungen zwischen Farbe, Leere und Grenze des Bildes zur Anschauung zu bringen.

Dies von vorneherein festzustellen hieße aber auch, den hier editierten Drucken die Gelegenheit zu nehmen, an ihnen selbst aufzuzeigen, weshalb sie solche Eindrücke erzeugen. Vor uns liegen drei Serigraphien, die sowohl formale Identitäten wie auch Differenzen aufweisen:

Die den Siebdrucken zugrundeliegenden Aquarelle sind mit ebenmäßiger Pinselbreite gemalt, die aufgrund des manuellen Auftrags leicht variiert und zur Lebendigkeit des Eindrucks beiträgt. Pinselbewegungen beginnen immer am Blattrand, setzen sich meist bis zum Blattende fort, oder enden erst kurz zuvor, so dass ein Teil des Blatthintergrunds unbedeckt bleibt. Seitliche Begrenzungslinien des farblichen Auftrags umschließen entweder weiße Flächen oder überdecken/berühren andere, zuvor gemalte Flächen – Übermalungen sind transparent gehalten, so dass sich hier und da Mischtöne ergeben. Die ausschließlichen formbestimmenden Verhältnisse von Farbe/Farbe und Farbe/Weiß bestehen aus Parallelen und Winkeln von 90°. Soweit die wiederkehrenden konstruktiven Merkmale.

Die Dimension des Experiments erschließt sich in der Übersicht über alle drei Drucke.
Sie stellen zwar weder eine klassische step-by-step-Serie dar, noch erfüllen sie damit in einem strengen Sinne Kriterien für Experimente. Das macht sie umso interessanter. Man stelle sie sich dennoch als eine Abfolge vor – aufsteigend anhand der Anzahl ihrer Farben.

Der erste der Drucke gruppiert ein sattes, goldfarbenes Gelb um die Ränder des Blattes; deutlich sichtbar überschneiden sich die breiten Linien, ergeben leicht abgedunkelte Quadrate an drei der vier Ecken; unten rechts läuft eine der Pinselbewegungen – parallel zu einer der Blattmitte entfliehenden Leerfläche – ungekreuzt bis zum Blattrand hin. An dieser Stelle wurde das Blatt vertikal coupiert: Es entsteht ein zweiter Hintergrund. Dies betont, wie zentral das unbedruckte Papier, die weißen Flächen in die Gestaltung der Bilder einbezogen sind. Es steht dem Betrachter selbstverständlich frei, das Papier einmal unter den Farben, das andere mal neben ihnen zu sehen. Dieser Versuch wird aber von Druck zu Druck schwieriger.

Der zweite der Drucke operiert mit einem blassen Violett, das um drei Seiten des Blattes gezogen ist und es in der Mitte vertikal noch ein-mal teilt; es bilden sich zwei stehende weiße Balken, die den oberen Blattrand berühren. Dass sie nicht dieselbe Breite haben, fällt auf den ersten Blick nicht auf, da in den rechten von ihnen vertikal ein helles und recht transparentes Grün gelegt ist. Es verdeckt das Papier nicht, es scheint es nur anders zu färben. Die Positionen des Farbauftrags ergeben hier stets eine leichte Verschiebung zu symmetrischen Verhältnissen.

Das dritte Blatt nun kombiniert die Farben der beiden vorhergehenden; alle Farbflächen verlaufen senkrecht, wobei nur das begrenzende Gelb – eine Wiederaufnahme aus dem ersten Druck – die gesamte Höhe des Papiers bedeckt. Transparent aufgetragenes Grün und Violett scheint vom oberen Blattrand herabzuhängen und legt eine arhythmische Struktur über den gleichmäßigen Wechsel von erstem Farbauftrag und Papier. Auch hier verschwinden die Leerflächen zwar nicht, müssen aber noch deutlicher hinter das gedruckte Bunt zurücktreten.

Die Sequenz der Drucke ermöglicht verschiedene Lesarten. Bei aller künstlerischen Disziplin kann man sie dennoch als eine Geschichte verstehen, die erzählt über einen abnehmenden Grad an Ordnung, die Zunahme von Komplexität oder vom Schicksal der leeren Fläche berichtet. Der einfarbige Druck war und bleibt für mich ein rein konstruktives Werk, der dreifarbige hingegen erschien mir bald wie eine – sehr freie – Abbildung von etwas Natürlichem, obwohl es keine ist.

Man kann sich dieses oder anderes zu den Arbeiten von Dirk Rausch denken. Betrachtet man sie lange genug, stellt man aber wohl fest, dass sie – was Farben, Formen, Parallelen und Überschneidungen, Sättigung und Transparenz etc. angeht – zwar mit immer wiederkehrenden, relativ einfachen Mitteln operieren, zugleich jedoch vortrefflich unterschiedliche, lebendige und anmutige Ergebnisse darstellen. Insofern handelt es sich ganz grundlegend auch um das Experiment, größtmögliche Vielfalt zu erschaffen unter Wahrung dessen, was vielleicht besser als Familienähnlichkeit denn als Serie bezeichnet werden sollte.

Wolfram Armbruster