Institut für aktuelle Kunst

Horst Linn, "Kantig um die Kurve", 2002, Aluminium, Acryl, Graphit, Durchmesser 1,50 m
"entrée III", 2004, Aluminium, Acryl, 0,85 x 1,70 x 0,35 m
"Choisy-Ring, Leitplanken montiert, Durchmesser ca. 5 m

Ausstellung 14: Horst Linn

Horst Linn

»Horst Linn ist Bildhauer, er denkt und arbeitet in drei Dimensionen«, konstatiert Rolf Sachsse, Professor an der HBKsaar und Künstlerfreund Linns in seiner Einführungsrede zur Ausstellung mit Arbeiten Linns im Sommer 2005. Gewiss, wird man denken – ein Bildhauer arbeitet nun einmal dreidimensional, körperhaft – eigentlich ein Allgemeinplatz. Aber gerade in der Nuancierung von Sachsses Formulierung steckt ein ganz wesentliches Charakteristikum von Linns Arbeiten: das altertümliche Synonym von Bildhauerei macht es deutlich: »Bildnerei«; hier wird stärker auf den Hauptteil des Wortes hingewiesen: das Bild, ein a priori der Flächenkunst zugeordneter Begriff.


Darin liegt ein wichtiger Schlüssel zu der Mehrzahl von Linns Werken im Laboratorium. Da ist zunächst sein Material: Stahl- und Aluminiumbleche werden geschnitten, gefaltet, gebogen; rechteckige Rahmenformen entstehen, stufig gefaltete, in kräftiger Farbe – rot, schwarz und grau lackierte Objekte. Diese werden auf die weißen Wände der Innenhöfe montiert; aus konkreten Plastiken werden damit erst die eigentlichen Werke: Bilder. Die Objekte bemächtigen sich der (Wand-)flächen, nehmen den (Bild-)grund in Dienst, schaffen sich damit die Basis, von der sie sich erheben und die dritte Dimension erschließen, ja in ihrem eigenen Sinne – d. h. im Sinne des Künstlers – definieren und sinnlich erfahrbar machen. Dabei mischen sich – augenzwinkernd wie der Sinnenmensch Linn selbst – spielerische Elemente in die strengen konstruktiven (Ge-)bilde: Vexierspiele zwischen vorne und hinten, Aufsicht und Seitenansicht, Steigen und Fallen, latente und vorgetäuschte Bewegung. Ein Weiteres stellt sich ein: Unter dem Sonnenlicht werfen die Objekte Schatten auf die weiße Wand, Schattenbilder, die nun wirklich einen flächigen Reflex der körperhaften Formen auf die Wand zeichnen. Diese, nun wirklichen, Flächenbilder täuschen ihrerseits wiederum räumliche Weiterungen vor; hier bezieht Linn die natürlichen Gegebenheiten des Umraums mit ein. Dieses Spiel treibt er mit seinem »Choisy-Ring« noch weiter: an der straßenseitigen Mauer des rechten Hofes befestigt Linn einen etwa kreisförmigen Ring aus vorgefertigten gebogenen Leitplanken. Vom Innenhof gesehen beginnt ein Spiel: geometrische Formen, Geraden und rechte Winkel der Gebäudeteile, die im Blick liegen sowie das Segment des Ringes, das über der Mauer sichtbar wird, schließen sich mit Elementen der Umgebung, wie Baumkronen, Himmel, Wolken, eine Kirchturmspitze, zu einem Bild zusammen: Konstruiertes und Natürliches mischt sich zu einem Gesamten, sich gegenseitig bedrängend, verändernd, verdeutlichend.


In einer Reihe von Collagen, die Linn im Inneren des Laboratoriums zeigt, spinnt er in fast kammermusikalischen Miniaturen diese Gedanken weiter: so in Kunstpostkarten eines Gemäldes von Caspar David Friedrich, das eine wolkenverhangene Hügellandschaft mit Regenbogen zeigt. Diese bearbeitet der Künstler schneidend, zeichnend, collagierend – und zieht damit den Betrachter in sein Spiel: dem Bild Friedrichs, das ja seinerseits ein Gedankenkonstrukt aus Versatzstücken der Naturabbildung ist, setzt er Elemente der konstruktiven Kunst entgegen, die im Gegensatz zu Friedrichs Schilderung keine Gedankengebäude mit fremden Mitteln wiedergeben, keine Interpretationen sind, sondern nur sich selbst bedeuten – ja, damit das eindeutigere Bild sind. Sie werden dann aber wiederum benutzt um Friedrichs Komposition zu analysieren und durch Synthetisieren deren Bedeutung aufzuheben, zu verändern, zu hinterfragen – eine Ausstellung als augenzwinkernde Wahrnehmungslehre...


Michael Jähne